Polizei neu denken

Reihe «Polizei neu denken» · Die Methode

Intelligence-Led Policing – Von der reaktiven Polizeiarbeit zur Prävention

· Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Intelligence-Led Policing als mögliches Beispiel dafür, wie sich die Polizeiarbeit entwickelt.

ILP ist ein innovatives Modell, welches es ermöglicht, viele kleine Fragmente zu einem besseren Bild zusammenzusetzen. Dies in unterschiedlicher Granularität, d.h. für die strategische, operative und taktische Ebene der Polizeiarbeit in den verschiedenen Feldern der Kriminalität.

YouTube-Video zu Intelligence-Led Policing

Zuerst wurde ILP in England eingeführt, vor allem zur Bekämpfung von schwerwiegenden Folgen des organisierten Verbrechens. Vielversprechende Ergebnisse in den letzten Jahren haben die Strafverfolgungsbehörden veranlasst, die auf Information abgestützte und proaktive Methode auf alle Bereiche der Polizeiarbeit auszuweiten.

Als umfassendes Geschäftsmodell konzentriert sich ILP auf die systematische Sammlung und Bewertung von Daten und Informationen. Durch einen definierten Analyseprozess entstehen evidenzbasierte Analyseprodukte, welche als Grundlage für Entscheidungen der strategischen und operativen Ebene dienen.

Zwei Herausforderungen der heutigen Strafverfolgung sind die ständig wachsende Komplexität und der transnationale Charakter der Kriminalität, sowie eine erhöhte öffentliche Nachfrage nach finanzieller Effizienz, d.h. “mehr Leistung für weniger Geld”. Das ILP-Modell begegnet diesen Herausforderungen mit der Bereitstellung einer auf «Intelligenz» basierenden Priorisierung der Arbeitsschritte und Zuweisung der verfügbaren Ressourcen im Einklang mit den festgelegten Prioritäten.

Pragmatische Werkzeuge zur Implementierung in die tägliche Polizeiarbeit sind:

  • die proaktive strategische Planung
  • die operative Durchführung von Aktionsplänen
  • sowie Instrumente zur Bekämpfung der schweren und organisierten Kriminalität

Zudem ist ILP im gesamten Kontext ein wirksames Instrument zur Bekämpfung von Terrorismus, gewalttätigem Extremismus und Radikalisierung.

Kriminalitätsanalysen bekommen in der ILP eine grössere Bedeutung. Dies erfordert verbesserte und manchmal neue analytische Fähigkeiten und Kompetenzen innerhalb der Polizeiorganisation. Der proaktive, vorausschauende Fokus von ILP hängt auch von der Strafverfolgung ab.

Führungskräfte wissen, wie sie mit Analysten zusammenarbeiten und analytische Produkte einsetzen können und dieses Wissen dann in ihrer Entscheidungsfindung und Planung einfliesst. Bei der Einführung und Umsetzung von ILP sollte man sich deshalb auf die Vorbereitung und Schulung der Führungskräfte auf oberer und mittlerer Ebene konzentrieren.

Es braucht für eine erfolgreiche Umsetzung auch grundlegende kulturelle Änderungen: von der Haltung «Wissen ist Macht» zu der Notwendigkeit «Wissen zu teilen». Der Stellenwert von Analysesoftware, analytischen Datenbanken und erfahrene Analytiker nimmt zu. Notwendige organisatorischen Strukturen, welche ILP unterstützen, müssen geschaffen werden.

Damit ILP effektiv funktioniert ist man auf eine ständige Rückmeldung und Bewertung der Intelligence-Produkte angewiesen. Eine ständige Überwachung und Qualitätskontrolle des gesamten Modells ist von grundlegender Bedeutung und muss in die Praxis eingebettet sein.

Die uneingeschränkte Verpflichtung aller Strafverfolgungsbehörden zur Erhaltung und Einhaltung der Menschenrechte und Datenschutz bei der Implementierung von ILP werden immer wieder betont. Die Erhebung, Verarbeitung und Nutzung von Daten und Informationen muss streng nach den geltenden nationalen Gesetzen erfolgen.

Quelle: OSCE Guidebook Intelligence-Led Policing, Wien 2017

Einordnung: Wo die Schweiz steht – und wo Vorsicht gilt

(Der Text stammt von 2019; diese Einordnung kam 2026 dazu.)

ILP ist kein Algorithmus, der Verbrechen vorhersagt. Es ist eine Analyse- und Erkenntnis-Disziplin: aus vielen Fragmenten ein Lagebild verdichten, um Prioritäten zu setzen. Davon zu unterscheiden ist das Predictive Policing, das mit statistischen Modellen konkrete Tat-Wahrscheinlichkeiten berechnet – und dessen Schwäche genau dort liegt: Lernt ein Modell aus verzerrten Daten (etwa überproportional kontrollierten Quartieren), reproduziert es die Verzerrung. Evidenz auf verzerrten Daten ist keine Evidenz.

Auch die Wirksamkeit ist nicht selbstverständlich. Für Predictive-Tools fehlt der saubere Wirksamkeitsnachweis; der gemeldete Aargauer Rückgang lag sogar unter dem allgemeinen Trend, die Kausalität ist fachlich bestritten. „Wirkt es?” bleibt eine empirische Frage, keine Glaubensfrage.

Für die Schweiz ist die Lage differenziert: Bei ILP ist sie programmatisch spät dran (die fedpol-Strategie verankert „Criminal Intelligence led policing” erst 2024–2027), beim Predictive Policing war sie früh gleichauf (PRECOBS seit 2013). Der eigentliche Engpass liegt nicht beim Werkzeug, sondern beim Fundament: 26 kantonale Korps, uneinheitliche Systeme, ein nationales Lagebild erst im Aufbau. Vor dem Werkzeug kommt das Fundament.


Im roten Faden weiterlesen: das Manifest „Polizei neu denken“ · Gen Z bei der Polizei