Polizei neu denken

Reihe «Polizei neu denken» · Der Druck

Die „Digital Cop Culture": Zwischen Rückzug und neuer Professionalität

· Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Der Mythos vom unantastbaren Schutzmann ist tot. Er wurde nicht von Kriminellen besiegt, sondern vom Smartphone. Früher war das „Wort des Beamten” Gesetz. Heute gilt: „Pics or it didn’t happen”. Führt diese dauerhafte Sichtbarkeit zu besserer Polizei oder zu ängstlicher Passivität?

Die Polizeikultur befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Jahrzehntelang basierte polizeiliche Autorität auf einem impliziten Vertrauensvorschuss: Im Zweifel glaubte man dem Beamten. Die Digitalisierung hat dieses Monopol gebrochen. Jeder Handgriff auf der Strasse kann heute aus drei Perspektiven gefilmt werden: von der Bodycam des Polizisten, vom Handy des Gegenübers und von Überwachungskameras.

Diese Allgegenwart der Linse erzeugt eine neue „Digital Cop Culture”. Doch wie reagiert die Basis darauf?

Die Angst vor dem viralen Schnipsel

Eine berechtigte Sorge in Polizeikorps ist das Phänomen des „De-Policing” oder der „Rückzugs-Kultur”. Die Theorie: Aus Angst, durch ein aus dem Kontext gerissenes Video im Internet an den Pranger gestellt zu werden, gehen Polizisten weniger proaktiv vor. Sie machen „Dienst nach Vorschrift”, vermeiden heikle Situationen und riskieren lieber nichts, statt einen Fehler zu machen.

Ist diese Sorge berechtigt? Ja, das subjektive Empfinden des „Generalverdachts” belastet viele Einsatzkräfte. Aber die Forschung zeichnet ein differenzierteres Bild.

Was die Forschung nahelegt: ein differenziertes Bild

Studien zur Einführung von Bodycams (u.a. aus den USA, UK und zunehmend Deutschland/Schweiz) deuten auf eine Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität:

  1. Die Bürger-Perspektive: Die Bevölkerung fordert Kameras meist als Instrument der Kontrolle und Transparenz. Die Akzeptanz ist hoch, weil man sich Schutz vor Polizeigewalt erhofft.
  2. Die Polizei-Perspektive: Polizisten sind oft anfangs skeptisch („Der Chef schaut mir zu”). Doch die Skepsis weicht nach der Einführung häufig – weil viele die Kamera dann eher als Schutz denn als Bedrohung erleben.

Die Forschung ist hier weniger eindeutig, als die Debatte oft suggeriert: Internationale Studien legen mal weniger Beschwerden und ruhigere Einsätze nahe, mal keinen klaren Effekt – je nach Korps, Einsatzregeln und Führungskultur. Wo eine Aufnahme vorliegt, kann sie ebenso entlasten wie belasten – die Kamera wird so vom vermeintlichen Feind zum möglichen „digitalen Zeugen”. Das „Wort des Schutzmanns” wird damit nicht ersetzt, sondern überprüfbar.

Professionalisierung statt Rückzug

Die ständige Beobachtung führt nicht zwingend zum Rückzug, sondern zu einer Zivilisierung des Kontakts auf beiden Seiten.

  • Objektivierung: Wenn beide Parteien wissen, dass sie gefilmt werden, sinkt oft (nicht immer) das Aggressionspotenzial.
  • Rechenschaft: Polizisten müssen ihre Massnahmen heute besser begründen können. Das „Weil ich es sage” reicht nicht mehr. Das erzwingt eine höhere kommunikative Professionalität und Rechtssicherheit.

Fazit: Führung ist entscheidend

Ob die „Digital Cop Culture” zu einer ängstlichen Rückzugs-Kultur oder zu einer stolzen Professionalität führt, ist keine Frage der Technik, sondern der Führung.

Wenn Vorgesetzte Videoaufnahmen nur nutzen, um nach Krawattenfehlern zu suchen, entsteht eine Fehlerkultur der Angst. Wenn sie die Transparenz aber nutzen, um ihre Leute bei korrekter Arbeit gegen ungerechtfertigte Shitstorms zu verteidigen, wird die Technik zum Asset. Die Polizei 2026 muss nicht weniger handeln, aber sie muss besser kommunizieren – die Kamera läuft schliesslich immer mit.


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