Reihe «Polizei neu denken» · Aus der Lehre
Warum wir als Polizei zuerst über Gesellschaft nachdenken sollten – und dann über Strategie
Heute hatte ich als Dozent meinen ersten Unterrichtstag im CAS Interprofessionelle Polizeiarbeit 25/26. Spannend war: Wir haben nicht mit Polizei begonnen. Kein Einsatzschema, keine Fallbeispiele, keine Paragraphen.
Der Einstieg war eine einfache, aber ziemlich herausfordernde Frage:
In welcher Gesellschaft möchtest du im Jahr 2040 leben? Und was macht dir heute am meisten Sorge?
Wir haben diese Frage bewusst als Privatpersonen beantwortet: als Mutter, Vater, Nachbar, Bürgerin, Vereinsmensch – nicht als Funktionsträger:in in Uniform. Auf Karten kamen Begriffe wie Vertrauen, Sicherheit, Freiheit, Gerechtigkeit, Zusammenhalt, digitale Mündigkeit, Polarisierung oder Respekt vor Institutionen.
Als wir alles an die Wand hingen, wurde sichtbar: Unsere persönlichen Visionen für die Gesellschaft sind viel stärker geteilt, als wir im Polizeialltag oft wahrnehmen. Und sie gehen weit über „Kriminalitätsbekämpfung“ hinaus.
Drei Ebenen, drei Bedeutungen
Im zweiten Schritt haben wir diese Visionen mit einfachen Modellen betrachtet:
- Mikro: Alltag der einzelnen Menschen
- Meso: Organisationen, Behörden, Teams
- Makro: Gesellschaft, Politik, globale Entwicklungen
Plötzlich wurde klar: „Vertrauen“ bedeutet auf jeder Ebene etwas anderes – und alle drei Ebenen hängen zusammen. Dasselbe gilt für Sicherheit, Freiheit oder Gerechtigkeit.
Dann kam ein weiteres Denkwerkzeug dazu:
- Struktur: Gesetze, Zuständigkeiten, Ressourcen
- Kultur: Werte, Haltungen, „wie man es halt macht“
- Akteure: Menschen, die Entscheidungen treffen und handeln
Wenn wir zum Beispiel sagen: „Wir wollen eine gerechte Gesellschaft“, reicht es nicht, nur an Gesetze zu denken. Es braucht auch eine passende Kultur und Akteure, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Das gilt für Politik, Justiz – und genauso für die Polizei.
Von der Gesellschaft zur Organisation
Danach sind wir einen Schritt weiter gegangen. Im zweiten Teil des Tages haben wir uns auf die Missionen, Visionen und Strategien verschiedener Polizeiorganisationen in der Schweiz gestützt: Kantonspolizeien, Stadtpolizeien und fedpol. Wir haben uns angeschaut, wie Leitbilder, Strategiepapiere und Leitsätze aufgebaut sind und welche Geschichte sie über „ihre“ Polizei erzählen.
Dabei ist etwas Entscheidendes deutlich geworden: Wer versteht, wie Mission und Vision der eigenen Organisation formuliert sind, wer erkennt, welche Strategie dahinterliegt und welche Schwerpunkte gesetzt werden – der ermächtigt sich selbst in einer komplexen Umgebung.
Mission und Vision sind dann nicht mehr nur Text auf der Webseite, sondern:
- Orientierung: Sie zeigen, wohin die Organisation langfristig will.
- Rahmen für Entscheidungen: Sie helfen, im Alltag Prioritäten zu setzen.
- Grundlage für Messbarkeit: Strategien und Ziele machen Handeln überprüfbar, nicht nur gefühlt „busy“.
- Steuerungsinstrument: Sie ermöglichen Führung – nicht nur Verwaltung des Status quo.
Wenn ich als Polizist:in weiss, welche Vision meine Organisation verfolgt, kann ich mein eigenes Handeln besser einordnen: Passt das, was ich tue, zu dem, was wir offiziell erreichen wollen? Unterstützen unsere Routinen und Gewohnheiten die strategische Richtung – oder laufen wir manchmal dagegen? Gerade in einer vernetzten, interprofessionellen Umgebung ist das entscheidend: Nur wer die eigene Mission und Strategie kennt, kann sich mit Partnerorganisationen auf Augenhöhe abstimmen. Sonst reden alle über „Sicherheit“ und „Zusammenarbeit“, meinen aber jeweils etwas anderes.
Warum so ein Einstieg wichtig ist
Weil moderne Polizeiarbeit mehr ist als Einsatzdispositive und Fallzahlen. Wer interprofessionell arbeiten will, muss verstehen, wie Gesellschaft funktioniert – und welchen Platz die Polizei in diesem Gefüge einnimmt. Und wer Organisationen wirklich entwickeln will, muss Mission, Vision, Leitbild und Strategie nicht nur kennen, sondern denken und übersetzen können.
Für mich ist das mehr als Weiterbildung. Es ist mentale Gymnastik für eine Polizei, die gesellschaftliche Entwicklungen verstehen will, statt ihnen nur hinterherzulaufen; die vernetzt denkt, statt nur in Zuständigkeiten; und die sich als Teil eines gemeinsamen Projekts „Gesellschaft“ begreift – nicht nur als Repressionsorgan.
Nach diesem ersten Tag bin ich überzeugt: Solche Räume, in denen Polizistinnen und Polizisten zuerst als Bürgerinnen und Bürger denken, danach als Organisationsmitglieder und erst dann als Fachleute, sind kein Luxus. Sie sind eine Voraussetzung dafür, dass wir auch in Zukunft legitim, wirksam und mit klarem Kompass arbeiten können.
„Wer in diesem Spannungsfeld aus Gesellschaftsbild und Organisationsstrategie bewusst handeln will, braucht genau diese Art von Weiterbildung.“
Zuerst erschienen auf LinkedIn.
Im roten Faden weiterlesen: das Manifest „Polizei neu denken“ · Erwartungen und Rollenverhalten