Das Verhältnis zwischen Polizei und Gesellschaft ist nicht statisch – es verschiebt sich.
Wer die Richtung verstehen will, kommt an einem Begriff nicht vorbei: der Entmilitarisierung.
Worum es geht
Woraus bezieht die Polizei ihre Legitimation? Jahrzehntelang lautete die Antwort: aus dem
staatlichen Gewaltmonopol. Heute verschiebt sie sich – hin zum Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger.
Mit dieser Verschiebung wandelt sich das Selbstverständnis der Polizei von einer
Staatspolizei – konfrontativ, repressiv, Gewalt als reguläres Mittel – zu einer
Bürgerpolizei: kooperativ, dialogorientiert, Gewalt als ultima ratio. Beide Leitbilder
gab es immer nebeneinander; was sich ändert, ist ihre Deutungshegemonie.
Der Prozess der Entmilitarisierung
Für diesen Wandel gibt es einen Namen, der oft missverstanden wird:
Entmilitarisierung. Gemeint ist nicht die amerikanische Debatte um militärisches
Gerät in Polizeihänden – die zivil und kantonal organisierte Schweizer Polizei ist keine Armee.
Gemeint ist etwas Tieferliegendes: die schrittweise Ablösung einer militärisch geprägten Organisations-
und Einsatzlogik – strenge Hierarchie, Konfrontation als Reflex, das Denken in „Staatsgewalt“ und
geschlossenem Corps – durch eine zivile, bürgernahe, dialogorientierte Haltung.
Das ist kein Vorwurf, sondern eine Beobachtung. Die militärische Prägung hatte ihre Gründe und ihre
Stärken; sie zu verstehen heisst nicht, sie zu verurteilen. Aber wo sich die Gesellschaft wandelt und
eine Polizei an der alten Logik festhält, entsteht Spannung zu den Menschen, die sie schützen soll.
Entmilitarisierung ist der Weg, diese Spannung zu lösen – evidenzbasiert, nicht ideologisch.
Die Folgen – ein roter Faden
Dieser eine Prozess zieht viele Fäden nach sich, die hier nach und nach aufgenommen werden: das
Rollenbild und das Selbstverständnis der Beamtinnen und Beamten;
Ausbildung und Führung, die eine zivile Haltung erst tragen müssen; die
Gewaltschwelle und der Umgang mit Protest; Ausrüstung und Symbolik
und ihre Wirkung auf das Gegenüber; ein tradiertes Männlichkeitsbild; und über allem
die Frage nach Bürgernähe und Vertrauen. Jeder dieser Fäden verdient einen eigenen
Beitrag.
Die Polizeiführung steht zwischen politischer Erwartung und fachlicher Wirkung – eine alltägliche Spannung, die wie persönliches Versagen wirkt. Sie ist keins: Sie ist der Preis dafür, dass sich die Polizei geöffnet hat. Auftakt einer Serie.
New Public Management steuert die Polizei über Zahlen – Aufklärungsquoten, Leistungsaufträge, Wirkungsziele. Doch es erfindet den Erfolg nicht neu: Es enteignet eine Währung, die der Polizei längst gehörte, und macht sie zur Sache der Politik.
Reformen werden beschlossen, Leitbilder verkündet – und an der Front ändert sich wenig. Warum die Steuerung nur die Oberfläche erreicht: Die Polizei hat zwei Kulturen, und die eine, die tatsächlich handelt, lässt sich nicht verordnen.
Wenn der Befehl nicht durchgreift, wie regiert die Politik die Polizei dann? Mit Foucault lässt sich eine Macht beschreiben, die nicht zwingt, sondern die Bedingungen setzt, unter denen sich eine Organisation selbst steuert – die Kennzahl als sanfteste und zugleich undurchsichtigste Form der Steuerung.
Die Serie schliesst dort, wo Politik und Polizei sich am schärfsten reiben: an der gefühlten Sicherheit. Wenn die Lage und das politische Narrativ auseinanderfallen, entscheidet sich, ob eine Führung die Tatsache trägt – und was gute Polizeiarbeit dann konkret bedeutet.
Zwei Polizisten, dieselbe Ausbildung, dasselbe Leitbild – und doch lernt der eine in den ersten Wochen auf der Strasse etwas, das nirgends geschrieben steht. Die Polizei hat eine zweite, innere Kultur, die niemand verordnet hat. Was ist sie – und warum bestimmt gerade sie, was auf der Strasse geschieht?
Der Polizist im Streifenwagen, hinter Glas, von Notruf zu Notruf – diese Distanz ist so selbstverständlich, dass man vergisst: Sie war einmal ein Fortschritt. Die zweite Kultur der Polizei ist nicht zeitlos. Sie wurde – aus einer Trennung, die man bewusst herstellte.
Von „der Polizei“ und „der cop culture“ zu reden, verdeckt das Entscheidende: In jedem Korps ringen sehr verschiedene Vorstellungen davon, was „richtige“ Polizeiarbeit ist. Die zweite Kultur ist keine Einheit, sondern ein Spektrum – und wer den Wandel steuern will, muss wissen, wer darin wen belächelt.
Warum gilt bürgernahe Polizeiarbeit intern oft als „soft“, als halbe Arbeit? Nicht weil die Beamten bequem wären, sondern weil Bürgernähe an etwas Tieferes rührt: an das Bild vom richtigen Polizisten. Im Kern der zweiten Kultur steht eine Frage der Identität – und die lässt sich nicht per Weisung ändern.
Wenn Befehl die Kultur nicht erreicht und Druck sie nur verhärtet – wie verändert man sie dann? Der letzte Teil sucht die Antwort dort, wo Kultur tatsächlich nachgibt: nicht bei der Weisung, sondern beim persönlichen Kontakt, bei der Beteiligung und bei einem neuen Bild von der eigenen Rolle.
Intelligence-Led Policing gilt vielen als Algorithmus, der Verbrechen vorhersagt. Jerry Ratcliffe, der das Modell wie kein anderer geprägt hat, meint etwas anderes – und Anspruchsvolleres: nicht die Vorhersage, sondern die Frage, ob Analyse überhaupt bei denen ankommt, die entscheiden.
Der Reflex sagt: Das Schwere an Intelligence-Led Policing ist die Analyse – die Daten, die Software, die Fachkräfte. Ratcliffes Forschung sagt das Gegenteil. Analyse-Einheiten sind oft reich an Wissen und arm an Einfluss. Das eigentliche Nadelöhr sitzt zwischen Erkenntnis und Entscheidung.
Intelligence-Led Policing macht eine leise, folgenreiche Behauptung: dass die Prioritäten von oben kommen, aus dem Lagebild. Das gerät in Spannung zu einer Polizei-Tradition, die ihre Stärke unten sucht – in der Nähe zur Bevölkerung. Ein Widerspruch, der die Schweiz besonders trifft.
Ratcliffes Modell braucht am Ende einen Entscheider, der auf das kriminelle Umfeld wirken kann. Doch moderne Kriminalität überschreitet Grenzen, die die Polizei nicht überschreitet. In einem föderal organisierten Land reisst das Lagebild genau dort, wo es am weitesten reichen müsste.
Intelligence-Led Policing verspricht objektive Entscheidungen. Aber die Daten, aus denen das Lagebild entsteht, sind nicht neutral: Erfasste Kriminalität spiegelt, wer anzeigt, nicht, was geschieht. Wann aus Evidenz Ideologie wird – und was Ratcliffe selbst dagegen vorschlägt.
Dieses Dach hat viel geprüft und diagnostiziert. Hier beginnt das Gegenstück: Was macht gelingende Polizeiarbeit konkret aus? Die Forschung hat darauf eine erstaunlich handfeste Antwort – vier Elemente fairer Verfahren, die sich lernen lassen und deren Wirkung im Experiment gemessen wurde.
Kameras schrecken kaum ab, zeigte der „Prüfstein“-Beitrag zu Luzern und Genf. Das ist kein Einzelbefund: Verfahrensgerechtigkeit ist der Grund, warum Legitimität als Hebel trägt, wo Abschreckung an Grenzen stösst.
Die ersten drei Teile dieses Registers zeigen einen Mechanismus. Dieser vierte übersetzt ihn in Führungspraxis: nicht als Haltung, sondern als drei konkrete Rituale, die sich aus der Forschung selbst ableiten lassen.
Vier Teile lang hat dieses Register einen Befund aufgebaut: Legitimität trägt mehr als Abschreckung, Fairness wandert von innen nach aussen. Der Schluss wendet denselben Massstab auf sich selbst an – und zieht die Grenzen, die die Evidenz selbst zieht.
Intelligence-Led Policing wird oft als Computer missverstanden, der Verbrechen vorhersagt. Das treffendere Bild ist ein anderes Alltagsgerät: das Auto-Navi. Es kennt die Zukunft nicht – es rechnet mit dem, was es jetzt weiss, und korrigiert sich, sobald sich die Lage ändert.
Der erste Tag im CAS Interprofessionelle Polizeiarbeit beginnt nicht mit Einsatzschemata, sondern mit einer Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir 2040 leben? Warum moderne Polizeiarbeit zuerst über Gesellschaft nachdenkt – und dann über Strategie.
Wie sich das Selbstverständnis der Polizei verschiebt: von der konfrontativ-repressiven Staatspolizei hin zur kooperativen Bürgerpolizei, die Demonstrationen als legitime politische Artikulation begreift.
Die Polizei jongliert widersprüchliche Rollen – Repression, Prävention, soziales Gehör – und ebenso widersprüchliche Erwartungen der Bevölkerung. Wie das soziologische Rollenmodell und der Wertewandel das polizeiliche Selbstverständnis prägen.