Reihe «Polizei neu denken» · Der Prüfstein
Kameras, die nichts abschrecken – was Luzern und Genf zeigen
Kaum ein Sicherheitsinstrument wirkt so selbstverständlich wie die Kamera. Wo etwas passiert, lautet der Ruf schnell: mehr Videoüberwachung. Doch schreckt die Kamera wirklich ab – oder beruhigt sie vor allem uns? Die Schweizer Evidenz gibt eine unbequeme Antwort.
Videoüberwachung im öffentlichen Raum ist zur Reflexantwort geworden. Ein Platz gilt als unsicher, also kommen Kameras. Die Erwartung dahinter ist einfach: Wer gefilmt wird, tut es nicht. Nur – hält diese Erwartung der Prüfung stand?
Der Fall Luzern
Am Bahnhofplatz der Stadt Luzern lässt sich das nachrechnen. Ende 2008 wurden dort sechs Kameras installiert; eine ökonometrische Auswertung der Polizei- und Interventionsdaten (Zehnder 2014, Universität Basel) fand keinen abschreckenden Nettoeffekt. Im Gegenteil: Nach der Installation wurden am Platz mehr Delikte registriert, und ein Teil der polizeilich erfassten Vorfälle verlagerte sich in die benachbarte RailCity des Bahnhofs. Das subjektive Sicherheitsgefühl verbesserte sich nicht – der Platz galt danach eher als Problemzone als zuvor.
Und Genf
Genf bestätigt das Muster. Im Quartier Pâquis untersuchten Kaenzig und Klauser (2018, Geographica Helvetica) die 2014 installierten Kameras: begrenzte präventive Wirkung – und der Drogenhandel verschwand nicht, er wanderte. In Nachbarstrassen, Hauseingänge, private Fahrzeuge, ungefilmte Räume. Die Kamera verschob das Problem, statt es zu lösen.
Was international wirkt – und was nicht
Das ist kein Schweizer Sonderfall, sondern der internationale Forschungsstand. Die grosse Übersichtsarbeit von Welsh und Farrington (2009) fand über 44 Studien eine moderate Kriminalitätsreduktion von rund 16 Prozent – aber fast der ganze Effekt stammte aus Parkplätzen, wo die Kriminalität um gut die Hälfte sank. In offenen Stadtzentren blieben die Effekte klein und meist nicht signifikant. Die jüngste 40-Jahre-Bilanz (Piza, Welsh, Farrington & Thomas 2019) präzisiert das Bild: CCTV wirkt am ehesten bei Fahrzeug- und Eigentumsdelikten, in Wohngebieten, und vor allem dann, wenn die Kameras aktiv überwacht und mit anderen Massnahmen kombiniert werden – nicht als alleinstehende Linse an der Wand.
Hinzu kommt ein zeitliches Muster. Wo Kameras anfangs abschrecken, verflacht der Effekt oft wieder: Die Kriminalität sinkt zunächst, steigt mit der Zeit aber erneut – die Neuheit der Überwachung nutzt sich ab, die Täter gewöhnen sich an die Linse.
Aufklären statt abschrecken?
Bleibt der häufigste Einwand: Selbst wenn die Kamera nicht abschreckt, hilft sie doch, Taten im Nachhinein aufzuklären. Etwas ist daran – nahe der Kamera steigt die Aufklärung mancher Delikte, vor allem bei Diebstahl. Doch auch dieser Nutzen ist schwächer und schlechter erforscht, als die Debatte annimmt: Die Effekte sind klein, oft nicht signifikant und räumlich eng begrenzt. Vor allem aber verschiebt sich damit der Zweck. Aus dem Präventionsversprechen – Gefahren abwehren, bevor etwas geschieht – wird ein Aufklärungswerkzeug für danach. Das mag legitim sein. Nur ist es nicht das, wofür Videoüberwachung meist beschlossen wird.
Die Lektion
Die Evidenz sagt nicht „Kameras nützen nie“. Sie sagt etwas Genaueres: Nicht die Kamera schützt, sondern das Konzept, in dem sie steht. Eine Kamera ohne aktive Beobachtung, ohne Anschluss an eine Intervention, ohne flankierende Massnahmen ist vor allem ein Versprechen an die Öffentlichkeit, das die Wirklichkeit nicht einlöst. Wo dieses Konzept fehlt, ist Videoüberwachung teure Symbolik: Sie beruhigt die Debatte, nicht den Platz.
Und damit sind wir beim eigentlichen roten Faden. Videoüberwachung wird selten mit Aufklärungsquoten begründet, sondern mit einem Gefühl: Der Platz soll sich sicherer anfühlen. Genau das aber lösen die Kameras nicht ein – in Luzern besserte sich das subjektive Sicherheitsempfinden gerade nicht. Die politische Steuerung läuft über die gefühlte Sicherheit, während die Zahlen sie nicht bestätigen. Wer Polizei und Sicherheit neu denken will, muss diese Lücke benennen: zwischen dem, was beruhigt, und dem, was wirkt.
Genau hier setzt evidenzbasierte Polizeiarbeit an – nicht die Frage „Haben wir Kameras?“, sondern „Wirkt es, und unter welchen Bedingungen?“. Und für die Schweiz gilt, was auch sonst gilt: Vor dem Werkzeug kommt das Fundament. Die eigenen Studien aus Luzern und Genf wiegen dabei schwerer als jeder internationale Superlativ – weil sie unseren Raum vermessen, nicht einen fremden.
Im roten Faden weiterlesen: das Manifest „Polizei neu denken“ · Digital Cop Culture