Polizei neu denken

Serie «Wissen, das wirkt» · Teil 1 von 5

Was Ratcliffe wirklich meint

· 3 Min. Lesezeit · Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Kaum ein Begriff der modernen Polizeiarbeit wird so oft gebraucht und so selten verstanden wie Intelligence-Led Policing. Für die einen ist es ein Computer, der Verbrechen vorhersagt; für die anderen ein Etikett, das sich gut auf Strategiepapiere macht. Jerry Ratcliffe, der das Modell wie kein anderer theoretisiert hat, meint ein Drittes – und es ist anspruchsvoller als beides.

Beginnen wir mit dem, was ILP nicht ist. Es ist kein Algorithmus, der aus Daten die nächste Tat berechnet – das wäre Predictive Policing, ein enger technischer Nachbar mit eigenen Schwächen, den der Denkanstoss Die Methode von ILP trennt. Ratcliffe selbst warnt, der Begriff verwässere zusehends – bis dahin, dass Behörden nur noch den Namen übernehmen, nicht die Sache. Umso genauer lohnt sich seine eigene Bestimmung.

Eine Definition, zwei tragende Wörter

ILP, schreibt Ratcliffe, mache Analyse und Erkenntnis zum Dreh- und Angelpunkt einer objektiven Entscheidungsfindung – einer Entscheidung, die Prioritäten setzt: Brennpunkte, Mehrfachopfer, Intensivtäter, kriminelle Gruppen. Ziel ist nicht die Aufklärung der einzelnen Tat, sondern die Reduktion von Kriminalität und Schaden durch strategische und taktische Steuerung.

Zwei Wörter tragen das Gewicht. Objektiv: die Entscheidung soll sich an der Evidenz ausrichten, nicht am Bauchgefühl, am Mediendruck oder an der Erwartung der Mannschaft. Und Modell: ILP ist bei Ratcliffe kein Werkzeug, das man beschafft, sondern eine Management-Philosophie – sie bestimmt, wie eine Organisation ihre knappen Mittel verteilt.

Nicht Bürgernähe, nicht Problemorientierung

Was daran neu ist, zeigt der Kontrast. Die bürgernahe Polizei (community policing) zielt zuerst auf Legitimität – auf das Vertrauen zwischen Polizei und Bevölkerung. Ein ehrenwertes Ziel; nur legt die Forschung, auf die Ratcliffe sich stützt, nahe, dass sie Kriminalität nicht zuverlässig senkt (Sherman et al. 1998; Gill et al. 2014). Die problemorientierte Polizei (problem-oriented policing) geht weiter: Sie sucht hinter wiederkehrenden Vorfällen das zugrunde liegende Problem. Von ihr erbt ILP die Einsicht, dass Analyse das Fundament der Entscheidung ist – und dreht sie ins Managerielle: Aus bottom-up wird top-down. Nicht die Nachbarschaft setzt die Agenda, sondern das Lagebild.

Genau hier liegt, nebenbei, die Spannung, die diese Serie später über die Schweiz tragen wird. Doch der Reihe nach.

Das 3-i-Modell

Ratcliffes bekanntester Beitrag ist ein Bild von entwaffnender Einfachheit. Er entwarf es, weil er sah, dass sich Analystinnen und Analysten im Klein-Klein der Einzelfall-Auswertung verloren und das grosse Bild aus den Augen verloren. Das 3-i-Modell verbindet drei Grössen – die Analyse-Einheit, das kriminelle Umfeld, die Entscheider – durch drei Bewegungen:

  • Die Analyse interpretiert das kriminelle Umfeld (interpret).
  • Sie beeinflusst die Entscheider (influence).
  • Diese wirken auf das Umfeld zurück (impact).
Analyse-Einheit das Lagebild Kriminelles Umfeld Brennpunkte, Täter, Muster Entscheider wer handeln kann interpret influence impact
Das 3-i-Modell nach Ratcliffe. Den Nachdruck legt er nicht auf die Analyse, sondern auf den mittleren Pfeil – den Einfluss auf die Entscheider.

Man liest die drei Schritte rasch und übersieht dabei leicht, wo das Modell seinen Nachdruck setzt. Nicht auf dem ersten. Der Interpretation widmet Ratcliffe ein Kapitel – dem Einfluss ein eigenes, samt einer Frage, die er selten gestellt findet: Wer sind überhaupt die richtigen Entscheider, und wie erreicht die Analyse sie? Denn ein Lagebild, das niemanden erreicht, der handeln kann, verändert nichts.

Wissen, das wirkt

Darin steckt Ratcliffes eigentliche Pointe – und der Grund für den Titel dieser Serie. Wir seien, schreibt er, reich an Information und arm an Wissen, das trägt – „information-rich but knowledge-poor“. Die Analyse ist heute selten das Problem. Das Schwere beginnt danach – dass das Wissen die Ebene erreicht, die entscheidet, und dass die Entscheidung das Umfeld wirklich verändert.

Diesem schwersten Glied, dem Einfluss, geht der nächste Teil nach.

Teil 1 der Serie «Wissen, das wirkt». Baut auf dem Denkanstoss Die Methode auf und gehört zu Polizei im Wandel.