Serie «Wissen, das wirkt» · Teil 4 von 5
Das föderale Nadelöhr
Ratcliffes 3-i-Modell beschreibt einen Kreislauf: Die Analyse interpretiert das Umfeld, beeinflusst die Entscheider, die auf das Umfeld wirken. Damit der Kreis sich schliesst, braucht es am Ende jemanden, der handeln kann – über die ganze Reichweite dessen, was die Analyse beschreibt. Genau hier stösst das Modell in einem föderalen Land an seine engste Grenze.
Das Problem beginnt damit, dass moderne Kriminalität die Grenzen nicht kennt, an die die Polizei gebunden ist. Organisierte und transnationale Kriminalität, digitale Delikte, mobile Täter bewegen sich quer zu den Zuständigkeiten. Lokal verankerte Polizei, so der von Ratcliffe zitierte Harfield, sei schlicht nicht dafür gebaut, Kriminalität von transnationalem Zuschnitt zu bekämpfen. Die Analyse kann ein Bild zeichnen, das grösser ist als jede einzelne Zuständigkeit – aber wer handelt darauf?
Ratcliffes amerikanische Lehre
Ratcliffe hat dieses Problem an der amerikanischen Polizei studiert, die ähnlich zersplittert ist. Seine Beobachtung: Die grösste Hürde für ILP in einem fragmentierten System ist nicht die Technik, sondern der Informationsaustausch – und dessen Hindernisse sind selten technischer Natur. Der Untersuchungsbericht zum 11. September nannte nicht in erster Linie fehlende Systeme, sondern organisatorische und kulturelle Barrieren: Behörden, die ihr Wissen nicht teilten. Als Antwort entstanden Fusion Centres und regionale Austausch-Netzwerke – Konstruktionen, die genau jene Naht überbrücken sollten, an der ein zersplittertes System auseinanderfällt.
Es ist dieselbe Naht wie in Teil 2, nur eine Ebene höher: Dort blieb das Wissen im Kopf des Analysten; hier bleibt es in der Zuständigkeit des einzelnen Korps. Ratcliffe nennt einen der Gründe beim Namen: Rivalitäten zwischen den Zuständigkeiten.
Die Schweizer Naht
Für die Schweiz ist das keine ferne Diagnose. Die fedpol-Strategie 2024–2027 verankert Intelligence-Led Policing ausdrücklich als eines ihrer Arbeitsprinzipien und arbeitet an einem nationalen Lagebild. Das ist der richtige Schritt – aber er benennt zugleich, was noch fehlt. Denn das Werkzeug ILP setzt voraus, was die föderale Ordnung nicht von selbst hergibt: einen Punkt, an dem sich interpret → influence → impact über die föderalen Zuständigkeitsgrenzen hinweg schliesst. Viele eigenständige, kantonale und kommunale Polizeiorganisationen, gewachsene und teils uneinheitliche Systeme, ein nationales Lagebild erst im Aufbau.
Damit kehrt ein Satz wieder, der schon den Denkanstoss Die Methode beschloss: Vor dem Werkzeug kommt das Fundament. Ein Lagebild ist nur so wirksam wie die Architektur, die es zu Entscheidung und Wirkung führt. Solange diese Architektur föderal zersplittert ist, kann die Analyse noch so gut sein – sie findet keinen Entscheider, dessen Reichweite dem Bild entspricht. Das ist kein Ruf nach Zentralisierung: Die föderale Nähe ist ein Wert, wie Teil 3 zeigt. Es ist der Ruf nach durchlässigen Zuständigkeiten – dass das Wissen die Grenzen überschreitet, die die Täter längst überschreiten.
Nicht die Analyse, die Architektur
Die engste Grenze des Lagebilds liegt also nicht in der Analyse, sondern in der Struktur. Nicht das Wissen fehlt, sondern der Ort, an dem es über die Grenzen hinweg zu Wirkung wird. Das ist keine Schweizer Eigenheit – jedes föderale System kennt diese Naht –, aber die Schweiz kennt sie in besonderer Schärfe. Und sie ist, anders als eine schlechte Analyse, nicht mit besserer Software zu beheben: Sie ist eine Frage der Koordination, des Vertrauens und des politischen Willens, Zuständigkeiten durchlässig zu machen.
Bleibt eine letzte Grenze, die keine Struktur behebt: die der Daten selbst. Wann aus Evidenz Ideologie wird, fragt der Schluss der Serie.
Teil 4 der Serie «Wissen, das wirkt» – Denkanstösse zu Polizei im Wandel.