Polizei neu denken

Serie «Wissen, das wirkt» · Teil 5 von 5

Evidenz auf verzerrten Daten

· 3 Min. Lesezeit · Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Am Anfang dieser Serie stand ein grosses Wort: objektiv. Ratcliffes Definition macht die Analyse zum Dreh- und Angelpunkt einer objektiven Entscheidung. Genau dieses Wort verlangt zum Schluss die grösste Vorsicht. Denn eine Entscheidung ist nur so objektiv wie die Daten, aus denen sie stammt – und die Daten der Polizei sind alles andere als neutral.

Das Loch in der Statistik

Erfasste Kriminalität ist nicht Kriminalität. Sie ist das, was gemeldet und aufgezeichnet wurde – und das ist erstaunlich wenig: Nach den Zahlen, die Ratcliffe anführt, findet weniger als die Hälfte aller Delikte überhaupt den Weg in eine polizeiliche Datenbank. Der Rest ist, was die Kriminologie das Dunkelfeld nennt.

Schlimmer als die Lücke ist ihre Schieflage. Ob eine Tat angezeigt wird, hängt vom Vertrauen ab. Eine niederländische Studie, die Ratcliffe zitiert, fand: In Quartieren mit engem sozialem Zusammenhalt wurde ein Delikt mit 46 Prozent Wahrscheinlichkeit gemeldet – in Quartieren mit schwachem Zusammenhalt nur mit 32. Wer der Polizei weniger vertraut, meldet weniger. Die Daten messen also nicht nur Kriminalität, sondern auch das soziale Gefälle des Vertrauens. Wer Ressourcen allein nach erfasster Kriminalität verteilt, schreibt dieses Gefälle fort.

Die Falle, die sich selbst bestätigt

Hier trennt sich ILP von seinem technischen Nachbarn – und hier wird der Nachbar gefährlich. Predictive Policing, das aus vergangenen Daten künftige Tatorte berechnet, lernt genau diese Schieflage mit. Schickt ein Modell die Streife in ein bereits stark kontrolliertes Quartier, wird dort mehr registriert – was das Modell im nächsten Durchlauf bestätigt. Eine Rückkopplung, die sich selbst recht gibt. Schon der Denkanstoss Die Methode hielt fest: Evidenz auf verzerrten Daten ist keine Evidenz.

Für die Schweiz ist das keine Theorie. Predictive-Werkzeuge wie PRECOBS sind seit 2013 im Einsatz; ein sauberer Wirksamkeitsnachweis fehlt in den Schweizer Pilotversuchen bis heute. „Wirkt es?“ bleibt eine empirische Frage – keine Glaubensfrage.

Ratcliffes eigene Antwort

Bemerkenswert ist, dass die schärfste Warnung vom Architekten des Modells selbst kommt. Ratcliffe widmet der Ethik von Predictive Policing und Big Data ein eigenes Kapitel – und schlägt einen anderen Weg vor: weg von der blossen Zählung der Delikte, hin zu einem am tatsächlichen sozialen Schaden orientierten Ansatz, den er harm-focused nennt. Der Grund ist derselbe wie bei den Kennzahlen: Eine Zahl lässt sich spielen, ein Schaden schwerer. Wer nach Fallzahlen steuert, optimiert Fallzahlen; wer nach Schaden steuert, muss fragen, was wirklich wehtut.

Wann Wissen zur Ideologie wird

Es gibt eine ältere, härtere Lehre. Ratcliffe erinnert daran, dass Polizei-Nachrichtendienste in den USA einst Akten über Menschen führten, die keine Kriminellen waren, sondern nur politisch unbequem. Es folgten Klagen, Schliessungen, Gesetze. Nachrichtendienst ohne Kontrolle wendet sich gegen die Unschuldigen – und kostet die Polizei ihre Legitimität. Datenschutz und Menschenrechte sind darum kein Anhängsel von ILP, sondern die Bedingung, unter der es legitim bleibt.

Hier schliesst sich der Kreis zum ersten Teil. Die Objektivität, die ILP seine Kraft gibt, wird zur Gefahr in dem Moment, in dem sie unterstellt statt geprüft wird – wenn „evidenzbasiert“ nicht mehr die Einladung zur Prüfung ist, sondern der Schutzschild gegen sie. Dann hört das Lagebild auf, ein Werkzeug des Fragens zu sein, und wird zur Ideologie: eine Behauptung, die sich mit dem Anschein der Zahlen immunisiert.

Wissen, das wirkt

Fünf Teile lang hiess die Frage nicht, ob die Polizei analysieren kann. Sie kann. Das Schwere lag immer danach: dass das Wissen die Entscheider erreicht, dass es die Nähe zum Menschen nicht verliert, dass es über die föderalen Grenzen wirkt – und dass es ehrlich bleibt über die eigenen blinden Flecken. Wissen, das wirkt, ist nicht das Wissen, das am lautesten Gewissheit behauptet. Es ist das Wissen, das weiss, was es nicht weiss – und trotzdem entscheidet.

Teil 5 und Schluss der Serie «Wissen, das wirkt» – alle Teile auf der Serien-Seite. Denkanstösse zu Polizei im Wandel.