Polizei neu denken

Serie «Bild des Gelingens» · Teil 1 von 5

Das Handwerk der Fairness

· 3 Min. Lesezeit · Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Wer die Beiträge auf diesem Dach liest, kennt die Diagnose: Kennzahlen, die das Falsche messen, Kameras, die nichts abschrecken, Reformen, die an der Kultur brechen. Diagnose erzeugt Respekt – aber Respekt motiviert nicht. Darum beginnt hier ein zweites Register: das Bild des Gelingens. Und es beginnt mit dem am besten belegten Befund, den die Polizeiforschung zu bieten hat.

Der Befund hinter dem Wort „Legitimität“

Seit den Arbeiten des Sozialpsychologen Tom Tyler weiss die Forschung: Menschen befolgen die Polizei nicht in erster Linie aus Angst vor Strafe, sondern weil sie sie als legitim erleben. Und diese Legitimität speist sich weniger aus den Ergebnissen – ob eine Kontrolle zu meinen Gunsten ausgeht – als aus der erlebten Fairness des Verfahrens. Tyler und Fagan haben den Zusammenhang empirisch gefasst: Legitimität prägt die Kooperation mit der Polizei, und sie hängt an der Gerechtigkeit der Verfahren, mit denen die Polizei ihre Autorität ausübt. Ihre Folgerung ist nüchtern und ermutigend zugleich: Die Polizei kann ihre Legitimität generell stärken, indem sie faire Verfahren verwendet.

Vier Elemente, die man lernen kann

Was heisst „faires Verfahren“ im Polizeikontakt? Die amerikanische National Initiative for Building Community Trust and Justice hat Tylers Forschung in vier Elemente übersetzt, die sich seither als Arbeitsformel bewährt haben: Menschen mit Würde und Respekt behandeln; ihnen im Kontakt eine Stimme geben, bevor entschieden wird; neutral entscheiden und die Entscheidung erkennbar begründen; und redliche Motive erkennen lassen – dass es um die Sache geht, nicht gegen die Person.

Das Bemerkenswerte an dieser Liste ist, was sie nicht verlangt: kein Budget, keine Gesetzesrevision, keine neue Technik. Alle vier Elemente sind Verhalten im Kontakt – und Verhalten lässt sich üben.

Der Beweis im Alltäglichsten

Dass das kein Wunschdenken ist, zeigt das erste randomisierte Experiment zu dieser Frage: das Queensland Community Engagement Trial von Lorraine Mazerolle und ihrem Team. Der Schauplatz war bewusst banal – routinemässige Verkehrskontrollen. Ein Teil der Kontrollen folgte einem kurzen Gesprächs-Leitfaden entlang der vier Elemente; die Vergleichsgruppe lief wie üblich. Das Ergebnis: Die so geführten Begegnungen wurden als fairer erlebt, das Urteil über die Polizei fiel besser aus. Wenn die banalste aller Polizei-Begegnungen diesen Unterschied trägt, ist Fairness kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein Handwerk – lehrbar, übbar, skalierbar.

Die Einzelstudie steht dabei nicht allein: Eine systematische Übersicht von rund dreissig Studien aus mehreren Ländern findet durchgängig, dass prozedural fairer Dialog Zufriedenheit, Vertrauen, Kooperationsbereitschaft und wahrgenommene Legitimität erhöht. Ehrlich dazu gehört: Auf die Rückfälligkeit von Tätern ist der Effekt klein. Fairness ist kein Kriminalitäts-Wundermittel – sie wirkt auf das Verhältnis zwischen Polizei und Bevölkerung, und dort verlässlich.

Was das nicht heisst

Zwei Grenzen, damit die Evidenz ehrlich bleibt. Erstens ist der Zusammenhang – faire Verfahren, Legitimität, Befolgung – hervorragend korrelativ belegt, aber kausal nicht abschliessend bewiesen; Nagin und Telep haben genau das angemahnt. Das ist ein Methodenstreit über bessere Studiendesigns, kein Beleg dagegen. Zweitens stammt die Evidenz überwiegend aus den USA, Grossbritannien und Australien. Für die Schweiz gilt: Der grosse europäische Test der Tyler-Kette schloss Schweizer Daten ein, und Silvia Staubli fand mit denselben Daten starke Zusammenhänge zwischen erlebter Verfahrensgerechtigkeit und Vertrauen in die Schweizer Polizei. Der Zusammenhang zeigt sich also auch hier – mehr behauptet dieser Text nicht.

Auftakt des Registers «Bild des Gelingens» – das Gegenstück zur Diagnose-Linie dieses Dachs. Der zweite Teil, Fairness beginnt innen, dreht denselben Befund nach innen: in die Führung. Vertieft die Schluss-Sektion von An der Bruchlinie.