Polizei neu denken

Serie «Bild des Gelingens» · Teil 2 von 5

Fairness beginnt innen

· 2 Min. Lesezeit · Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Der erste Teil dieses Registers hat gezeigt, dass Fairness im Bürgerkontakt ein lernbares Handwerk ist. Aber Handwerk braucht einen Ort, an dem es gedeiht. Die Forschung der letzten zehn Jahre hat diesen Ort gefunden, und er liegt nicht an der Front: Er liegt in der Organisation selbst – in der Art, wie sie ihre eigenen Leute behandelt.

Der Spiegel-Befund

Die Legitimitäts-Forschung nennt es internal procedural justice: Verfahrensgerechtigkeit nach innen. Der Kernbefund, zuletzt von Yesberg und Kolleginnen zusammengefasst, lautet: Die Erfahrung fairer Behandlung innerhalb der Polizeiorganisation erhöht die Bereitschaft der Polizistinnen und Polizisten, ihrerseits die Bevölkerung fair zu behandeln. Aussen spiegelt innen. Dieselben vier Elemente – Respekt, Stimme, Neutralität, redliche Motive –, die im Bürgerkontakt Legitimität erzeugen, wirken zuerst in der Dienststelle: in der Zuteilung der Dienste, in der Beförderungsentscheidung, im Ton der Besprechung.

Was innen geschieht

Die Einzelbefunde zeichnen ein konsistentes Bild. Trinkner, Tyler und Goff fanden: Wo Beamte ihre Organisation als prozedural fair erleben, vertrauen sie ihren Vorgesetzten eher, sind weniger zynisch und weniger belastet – und befürworten stärker eine demokratische, bürgerorientierte Polizeiarbeit. Andere Arbeiten, etwa von Bradford und von Van Craen und Skogan, ergänzen den Mechanismus: Faire Behandlung stärkt die Identifikation mit der Organisation und ihren Zielen, und die Vorgesetzten wirken dabei als Modell – ihr Umgang mit den eigenen Leuten wird zur Vorlage für deren Umgang mit den Bürgern. Kurz gefasst, als Muster über diese Studien: Wie eine Organisation ihre Leute behandelt, wandert in die Strasse.

Warum das die Handlungsebene erreicht

Dieser Befund verdient einen zweiten Blick, weil er ein bekanntes Problem dieses Dachs beantwortet. Die Serie «Die zweite Kultur» hat gezeigt, warum Leitbilder die Handlungsebene nicht erreichen: Kultur ändert sich an der Erfahrung, nicht am Erlass. Genau hier liegt die Pointe der internen Verfahrensgerechtigkeit – sie ist Erfahrung. Ein Leitbild behauptet Respekt; eine fair begründete Dienstplanänderung lässt ihn erleben. Faire Führung nach innen ist damit keine weitere Weisung, die an der Kultur abprallt, sondern der seltene Hebel, der auf derselben Ebene ansetzt, auf der die zweite Kultur ihre Muster lernt: im täglichen, erlebten Umgang.

Was das nicht heisst

Auch hier die Grenzen, unbeschönigt: Die Evidenz stammt überwiegend aus den USA und Grossbritannien, und sie ist – wie die Legitimitäts-Forschung insgesamt – korrelativ stark, kausal nicht abschliessend bewiesen. Die Richtung ist über viele Studien hinweg konsistent, aber wer daraus ein Schweizer Führungsprogramm ableitet, überträgt mit Augenmass, nicht mit Gewissheit. Und: Interne Fairness ist kein Ersatz für klare Führung. Neutral begründen heisst entscheiden und erklären – nicht jede Entscheidung zur Abstimmung stellen.

Teil 2 des Registers «Bild des Gelingens», zusammen mit Das Handwerk der Fairness. Führt die Schluss-Sektion von An der Bruchlinie („Vertrauen nach innen“) aus und schliesst an Was Kultur wirklich verändert an.