Polizei neu denken

Serie «Wer steuert die Polizei?» · Teil 5 von 5

An der Bruchlinie

· 6 Min. Lesezeit · Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Es gibt eine Grösse, die keine Kriminalstatistik kennt: das Gefühl, sicher zu sein. Politisch ist sie die wichtigste – und fachlich die unzuverlässigste. An ihr lässt sich die Bruchlinie zeigen, um die diese Serie von Anfang an gekreist ist. Hier, im Schlussbeitrag, endet sie nicht mit einer Lösung, sondern mit der Frage, wie man an einer Naht arbeitet, die sich nicht schliessen lässt.

Zwei Grössen, die auseinanderdriften

Die moderne Polizei hat gelernt, ihre Arbeit an der Lage auszurichten. Intelligence-Led Policing nennt sich das Modell, das seit den 1990er-Jahren aus Grossbritannien in die Polizeiwelt gewandert ist: Ressourcen dorthin, wo Datenanalyse und Lagebild sie verlangen – zu den Brennpunkten, den Wiederholungstätern, den erkennbaren Mustern –, statt reaktiv Fall für Fall oder nach dem Druck des Tages. Der Kriminologe Jerry Ratcliffe hat es als betriebswirtschaftliches Modell beschrieben, in dem die objektive Analyse die Entscheidung über den Mitteleinsatz leiten soll. Man muss dazusagen: Auch dieses Modell ist nicht wertfrei – wer die strategischen Prioritäten setzt, bleibt eine Machtfrage. Aber sein Versprechen ist klar: steuern nach dem, was ist, nicht nach dem, was Schlagzeilen macht.

Nur gibt es eine zweite Grösse, die sich an dieses Versprechen nicht hält: das subjektive Sicherheitsempfinden. Die Kriminalitätsfurcht folgt oft nicht der Kriminalität. Die am wenigsten Gefährdeten fürchten sich häufig am meisten; die Medien berichten, wie es der amerikanische Kriminologe Mark Warr zugespitzt hat, am lautesten über genau jene Taten, die am seltensten vorkommen. Für die Schweiz ist dieses Paradox zu differenzieren – auf der Ebene der grossen Zahlen laufen Furcht und Lage hier näher beieinander als anderswo, wie der Kriminologe Dirk Baier festhält. Aber im Einzelnen kann die Furcht sich von der Lage lösen, getrieben von Wahrnehmung, Verletzlichkeit und Medienbild. Und ausgerechnet diese Grösse – die gefühlte, nicht die gemessene Sicherheit – ist die politisch wirksamste, weil sie an der Wahlurne zählt.

Warum die Tatsache stört

Hier stossen zwei Logiken aufeinander, und es sind dieselben zwei, die im ersten Beitrag standen – jetzt an ihrem schärfsten Punkt. Die Fachlichkeit sagt: Die Lage ist, was sie ist. Die Politik fragt: Aber die Menschen fühlen sich unsicher – was tun wir?

Hannah Arendt hat die Tiefe dieser Spannung in ihrem Essay „Wahrheit und Politik“ beschrieben, und sie reicht weiter als ein blosser Zielkonflikt. Arendt unterscheidet die Tatsachenwahrheit von der Meinung. Meinungen sind der Stoff der Politik: Man kann über sie streiten, sie abwägen, Kompromisse schliessen. Tatsachen sind das nicht. Sie haben, so Arendts Bild, eine widerspenstige Sturheit – man kann sie nicht wegdiskutieren, sondern nur leugnen. Und ihre eigentliche Einsicht: In der Politik ist die Tatsachenwahrheit chronisch verletzlich, weil die politische Wahrheit an etwas anderes gebunden ist – an die Mehrheit, an die kurze Frist, an den vorweisbaren Erfolg.

Denn kein Erfolg ist, politisch, keine Option. Eine Führung, die vor die Öffentlichkeit tritt, kann schwer sagen: Die Lage ist gut, wir tun nichts. Sie braucht ein sichtbares Zeichen, auch wo die Evidenz keines verlangt. Und da entsteht ein Druck – nicht der grobe Druck zur Lüge, sondern ein feinerer: die politische Erwartung, dass die Kennzahl einen Erfolg zeige und die Lage zum gewünschten Bild passe. Dieser Druck richtet sich an die Polizei, aber er entspringt nicht ihr – er ist die Eigenlogik eines Systems, das auf Zustimmung angewiesen ist, kein Vorwurf an einzelne Personen. Aber es ist die Stelle, an der die Tatsache – das Lagebild, das die Polizei liefert – unter Druck gerät. Wird sie zur blossen Meinung unter Meinungen, verliert die demokratische Debatte ihren gemeinsamen Boden.

Der eigentliche Arbeitsort

An dieser Bruchlinie laufen die vier vorigen Beiträge zusammen. Die Öffnung der Polizei hat sie politisch steuerbar gemacht. Die Kennzahl hat ihr den „Erfolg“ enteignet, den sie einst selbst verwaltete. Die Steuerung erreicht die Leitbilder, nicht die Handlungsmuster. Und wo sie über Anreize regiert, verschwindet die Verantwortung hinter dem Sachzwang. All das trifft sich an einem Punkt: dort, wo die Führung zwischen der Lage und dem Narrativ steht.

Ihr eigentlicher Arbeitsort ist nicht, die Naht zu schliessen – sie lässt sich nicht schliessen. Er ist, sie zu halten: die Tatsache zu tragen, auch wenn sie keinen Erfolg meldet, und das, ohne die Beziehung zur Politik zu zerstören, von der die Polizei in einer Demokratie zu Recht abhängt. Das ist eine Zumutung. Die Frage, mit der diese Serie schliesst, ist, wie man sie aushält.

Das Bild des Gelingens

Zum ersten Mal in fünf Beiträgen kommt hier das Konstruktive. Es hat zwei Namen, und man braucht beide: Legitimität und Vertrauen.

Legitimität nach aussen. Die Forschung von Tom Tyler und vielen nach ihm zeigt einen Zusammenhang, der die Steuerungslogik der Kennzahl unterläuft: Menschen befolgen die Polizei nicht in erster Linie aus Angst vor Strafe, sondern wenn sie sie als legitim erleben – und Legitimität entsteht weniger aus den Ergebnissen als aus der erlebten Fairness der Verfahren. Ob man mit Respekt behandelt wird, eine Stimme bekommt, Neutralität und redliche Motive erkennt: Das prägt das Vertrauen stärker als der Ausgang des einzelnen Falls. Eine Polizei, die auf diese Weise Vertrauen erworben hat, kann sich etwas leisten, das unter reinem Erfolgsdruck unmöglich ist – sie kann auch eine unbequeme Lage glaubwürdig vertreten, statt jeder gefühlten Unsicherheit mit einem Aktionismus zu begegnen, der die Evidenz verrät. Ehrlich dazu gehört: Dieser Zusammenhang zeigt sich auch in Schweizer Daten, aber er ist gut korreliert, nicht kausal endgültig bewiesen – kein Wundermittel, sondern die beste Grundlage, die wir haben.

Vertrauen nach innen. Der weniger bekannte, vielleicht wichtigere Befund: Polizistinnen und Polizisten, die ihre eigene Organisation als fair erleben, behandeln auch die Bürger fairer. Die Art, wie eine Führung mit ihren Leuten umgeht, wandert in die Strasse. Gute Polizeiarbeit beginnt nicht an der Front, sondern in der Führung – wer aussen Legitimität will, muss innen gerecht führen. Und es braucht ein zweites Vertrauen: das zwischen Politik und Polizei. Nur wo es trägt, kann ein Lagebild auch dann Bestand haben, wenn es keinen Erfolg meldet – ohne gebogen zu werden, um politisch zu überleben.

Das Gegenbild zu all dem ist die Technikgläubigkeit – der Glaube, das richtige Werkzeug ersetze die Führungsarbeit. Die grosse Studienreihe von Barak Ariel zur Bodycam ist hier lehrreich: Über zehn Experimente hinweg bewirkte die Kamera im Durchschnitt nichts. Was den Unterschied machte, war nicht das Gerät, sondern wie die Führung seinen Gebrauch regelte. Nicht die Technik trägt, sondern die Führung, die sie einbettet.

Was das konkret heisst

Für die Führung, für die Ausbildung wird daraus etwas Handfestes. Die Kennzahl nicht als Befehl weiterreichen, sondern als Gespräch: Was misst sie – und was misst sie nicht? Die Kultur nicht bekämpfen, sondern ihre tragenden Handlungsmuster stärken. Und vor allem: nach innen so führen, wie man nach aussen wirken will. Legitimität lässt sich nicht anordnen; sie wird vorgelebt oder gar nicht.

Die Serie begann mit einer Frage: Wer steuert die Polizei? Nach fünf Beiträgen ist die ehrliche Antwort, dass niemand sie allein steuert – und dass das gut so ist. Die Polizei einer Demokratie wird von der Politik geführt, von ihrer Fachlichkeit getragen, von der Öffentlichkeit beobachtet. An der Naht dieser drei entsteht die Reibung, die diese Serie beschrieben hat. Die bessere Frage ist darum nicht wer, sondern wie: Wie hält man die Naht, ohne eine der Seiten zu opfern?

Die Antwort ist bescheiden und anspruchsvoll zugleich. Es gibt kein Instrument, das die Spannung auflöst. Es gibt nur eine Führung, die sie aushält – die die Tatsache unverbogen hält, auch wenn diese keinen Erfolg meldet, und die genug Legitimität und Vertrauen aufgebaut hat, um sich das leisten zu können. Über die Politik im Ganzen hat Arendt den Satz geschrieben, der auch hier gilt: „Persuasion and violence can destroy truth, but they cannot replace it“ – Überzeugung und Gewalt können die Wahrheit zerstören, ersetzen können sie sie nicht. Die Polizei einer offenen Gesellschaft lebt davon, dass an ihrer Bruchlinie jemand steht und die Tatsache hält.

Schluss der Serie «Wer steuert die Polizei?» – alle Teile auf der Serien-Seite. Denkanstösse zu Polizei im Wandel.