Die Kaffeerunde ist keine Pause

· 3 Min. Lesezeit · Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Wenn in einer Organisation gespart, verdichtet oder reorganisiert wird, stirbt zuerst das Informelle. Die Schichtübergabe wird gestrafft, weil sie „nur“ Übergabe ist. Das Pausenzimmer weicht dem Grossraum. Die Kaffeerunde gilt als das, was ihr Name sagt: Pause – verlorene Zeit zwischen den eigentlichen Aufgaben. Dieser Text schlägt eine andere Lesart vor: Die Kaffeerunde ist Infrastruktur.

Was dort tatsächlich geschieht

Wer genau hinhört, was in diesen Räumen passiert, findet wenig Müssiggang. Ein Einsatz wird noch einmal erzählt – nicht fürs Protokoll, sondern um ihn loszuwerden. Eine Kollegin prüft an der Reaktion der anderen, ob ihr Ärger berechtigt war. Ein junger Kollege lernt, was hier als besonnen gilt und was als übervorsichtig. Das ist keine Pause von der Arbeit; es ist ein Teil der Arbeit, der nur nirgends verbucht wird: Die Organisation verarbeitet dort, was ihr widerfährt – und verhandelt nebenbei, wer sie sein will.

Die zweite Ordnung, positiv gelesen

Die Forschung zur informellen Seite der Polizei beschreibt diese Räume als Orte, an denen sich eine zweite Ordnung bildet – neben der offiziellen und oft quer zu ihr. Rafael Behr, der die Unterscheidung zwischen der offiziellen Polizeikultur und der informellen „Cop Culture“ geprägt hat, hat diese Lebenswelt ethnografisch beschrieben: die Werte, die Gefühle und die ungeschriebenen Normen, die den Dienst tragen und in keinem Leitbild stehen. Die Serie «Die zweite Kultur» auf diesem Dach folgt derselben Haltung: Die informelle Kultur ist weder Makel noch Heldentum – sie ist eine Antwort auf die Arbeit, wie sie wirklich ist.

Was in dieser Beschreibung oft zu kurz kommt, ist die entlastende Seite. Eine Berliner Führungswissenschaftlerin, die mit angehenden Polizistinnen und Polizisten deren erste Berührung mit der Kultur reflektiert, warnt davor, das Informelle zu verteufeln oder wegzudefinieren – man müsse es ernst nehmen, weil es etwas leistet. Von dort aus lässt sich die Kaffeerunde als eine Art Sozialhygiene der Organisation lesen: Was der Dienst an Erlebtem ablagert, kommt in diesen Räumen in Sprache, bevor es sich festsetzt – im Einzelnen wie im Team.

Die Doppelgesichtigkeit gehört dazu

Das ist kein Plädoyer für Romantik. Derselbe Raum, der entlastet, ist auch der Raum, in dem sich Schweigen organisieren kann; dieselbe Runde, die einen Einsatz verarbeitet, kann eine Grenzüberschreitung wegwitzeln. Die informelle Ordnung trägt beides – das ist der Kern der Cop-Culture-Debatte, und er bleibt bestehen. Nur folgt daraus nicht, die Räume auszutrocknen. Eine Organisation, die ihre informellen Räume verliert, verliert nicht die zweite Ordnung – sie verliert den Ort, an dem die zweite Ordnung ansprechbar ist.

Warum sich das nicht anordnen lässt

Hier schliesst sich der Kreis zur Serie «Entscheiden im Nebel»: Eine Kultur reagiert auf den Eingriff, statt ihm zu gehorchen. Eine verordnete Reflexionsrunde mit Traktandenliste ist keine Kaffeerunde mehr – das Informelle leistet, was es leistet, gerade weil es nicht beobachtet und nicht bewertet wird. Führung kann diese Räume darum nicht herstellen. Sie kann sie aber lassen: Zeit im Dienstplan, einen Ort, der nichts kostet als ein paar Quadratmeter, und die Zurückhaltung, nicht alles zu bewirtschaften, was nicht verbucht ist.

Was das nicht heisst

Zwei Klarstellungen. Erstens ersetzt die Kaffeerunde keine professionelle Unterstützung nach belastenden Ereignissen – sie ist Alltagshygiene, nicht Nachsorge. Zweitens ist nicht jede informelle Runde heilsam; wo sie zur geschlossenen Gesellschaft wird, kippt die Funktion ins Gegenteil. Die These bleibt bescheiden: Bevor eine Organisation ihre informellen Räume wegrationalisiert, sollte sie wissen, was sie dort mit wegrationalisiert.

Ein Denkanstoss zur positiven Funktion der Informalität. Vertiefung: die Serie «Die zweite Kultur» über die informelle Seite der Polizei.