Serie «Kenne dich selbst» · Teil 3 von 4

Die zweite Haut

· 5 Min. Lesezeit · Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Es geht in dieser Serie um das Allgemeine: um Kräfte, wie sie in belastenden Berufen überall wirken. Die Beispiele illustrieren, die Forschung trägt. Wer sich darin wiedererkennt, liest eine Struktur – und eine Struktur, die man kennt, steuert einen nicht mehr blind.

Es gibt eine Frage, die man einem Fisch nicht stellen kann: Wie ist das Wasser? Er wüsste nicht, wovon die Rede ist. Das Wasser ist nicht etwas, das er wahrnimmt – es ist das, worin er wahrnimmt. So verhält es sich mit den Haltungen, die ein Beruf einem einverleibt. Man trägt sie nicht wie eine Meinung, die man auch ändern könnte. Man ist sie geworden.

Die zweite Stufe der Selbst-Kenntnis führt an diese Grenze: an das, was so tief sitzt, dass man es nicht mehr für eine Haltung hält, sondern für sich selbst.

Was sich in den Schultern ablagert

Die Soziologie hat dafür einen Begriff: den Habitus (Pierre Bourdieu). Gemeint ist die verkörperte Disposition – die Art, wie einer steht, schaut, misstraut, zupackt, noch bevor er darüber nachdenkt. Sie sitzt nicht im Kopf, wo man sie prüfen könnte, sondern im Körper, in den Reflexen, in den verschränkten Armen, die man selbst nicht bemerkt.

Janet Chan hat den Habitus auf die Polizeikultur übertragen (Chan 1997). Sie beschreibt die Kultur nicht als ein Regelwerk, das man befolgt, sondern als ein Bündel erlernter Dispositionen, die im Feld erworben werden – im Streifenwagen, auf der Wache, unter Kollegen. Man lernt sie nicht aus einem Buch. Man wächst in sie hinein, bis sie sich anfühlen wie der eigene Charakter.

Der Satz, der die Ausbildung überschreibt

Es gibt einen Moment, in dem diese zweite Haut angelegt wird. Der Polizeiforscher Rafael Behr hält einen Spruch fest, der in vielen Korps zirkuliert, gerichtet an die Jungen, die frisch von der Schule kommen: „Jetzt vergiss erst mal alles, was Du auf der Schule gelernt hast, wir zeigen Dir jetzt, wie Polizei tatsächlich funktioniert.“

Der Satz ist beiläufig gemeint und folgenreich zugleich. Er markiert den Übergang von der ersten Sozialisation – der formalen Ausbildung, den Paragraphen, den Idealen – zur zweiten: der Praxis, wie sie unter Kollegen wirklich läuft. Was in der Schule galt, wird nicht widerlegt, sondern überschrieben. Und weil das Überschreiben im Alltag geschieht, Handgriff für Handgriff, merkt der Betroffene nicht, dass er gerade eine Haut wechselt. Er hält es für Erfahrung.

Warum die zweite Haut Reformen überlebt

Hier schliesst sich der Kreis zu Chan. Wenn eine Haltung im Körper sitzt und nicht im Regelwerk, dann greift eine neue Weisung ins Leere. Man kann die Vorschrift ändern, das Leitbild, das Formular – die Disposition bleibt. Chan erklärt damit, warum Polizeireformen so oft die Praxis nicht erreichen: Sie ändern, was gesagt wird, nicht, was eingeschliffen ist.

Das ist keine Anklage, sondern eine Diagnose. Wer eine Kultur verändern will und nur an den Regeln dreht, wird scheitern – nicht am bösen Willen, sondern an der Zähigkeit der zweiten Haut. Sie lässt sich nicht verordnen und nicht wegverordnen. Sie sitzt tiefer als jeder Satz, den ein Reglement schreiben kann.

Sie beginnt vor der Uniform

Man könnte meinen, diese Haut werde erst im Beruf angelegt. Aber der Soziologe David Pichonnaz zeigt, dass das zu kurz greift (Pichonnaz 2021): Was einer im Dienst wird, hängt auch davon ab, was er schon mitbrachte – seine soziale Herkunft, seinen Aufstiegsweg, sein Geschlecht, die Prägungen seines Milieus. Der Beruf formt nicht aus dem Nichts. Er trifft auf eine Vorprägung, verstärkt manche Züge und dämpft andere.

Das erklärt, warum unter derselben Uniform so verschiedene Menschen stecken – und warum „die Polizei“ nie eine einzige Haltung hat, sondern viele. Die zweite Haut ist kein Stempel, der allen dasselbe aufdrückt. Sie ist ein Zusammenspiel aus dem, was der Beruf verlangt, und dem, was einer schon war.

Was das für Selbst-Kenntnis heisst

Eine zweite Haut lässt sich nicht per Weisung ablegen – von aussen so wenig wie von innen. Was man kann, ist schwerer und unspektakulärer: sie kennen lernen. Bemerken, wo der eigene Reflex herkommt. Unterscheiden, was man selbst denkt, von dem, was einem der Beruf zu denken beigebracht hat.

Für die Führung heisst das, die Erwartung aufzugeben, Kultur per Ansage zu ändern. Was wirkt, ist der langsame Weg: die zweite Haut sichtbar machen, benennbar, besprechbar – denn was man benennen kann, hält einen nicht mehr blind fest.

Und für den Einzelnen bleibt die Frage dieser Stufe, die härter ist als sie klingt: Welche meiner Reaktionen halte ich für meinen Charakter – und welche hat mir der Beruf angelegt, ohne dass ich es gemerkt habe?


Für die Praxis

Front: Unterscheide ich, was ich selbst denke, von dem, was mir der Beruf zu denken beigebracht hat?

Kader: Erwarte ich, Kultur per Ansage zu ändern – oder mache ich die zweite Haut sichtbar und besprechbar?

Politik: Ändere ich Reglemente und Leitbilder – und wundere mich, dass die eingeschliffene Disposition bleibt?

Woher das Wissen kommt – die Quellen dieses Beitrags mit Einordnung: Forschung.