Serie «Kenne dich selbst» · Teil 1 von 4

Der Satz über dem Tor

· 4 Min. Lesezeit · Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Es geht in dieser Serie um das Allgemeine: um Kräfte, wie sie in belastenden Berufen überall wirken. Die Beispiele illustrieren, die Forschung trägt. Wer sich darin wiedererkennt, liest eine Struktur – und eine Struktur, die man kennt, steuert einen nicht mehr blind.

Über dem Eingang zum Apollon-Tempel in Delphi stand, so überliefern es die Alten, ein Satz aus zwei Worten: Kenne dich selbst. Wer das Orakel befragen wollte – wer wissen wollte, was die Götter über seine Zukunft dachten –, ging zuerst an dieser Mahnung vorbei. Erst dich. Dann die Welt.

Sokrates machte aus der Tempelinschrift das Fundament seines Denkens. Nicht das Wissen über die Sterne, die Gesetze oder die Feinde war ihm das Erste, sondern das Wissen über sich. Ein ungeprüftes Leben, sagte er, sei nicht lebenswert. Das klingt nach Philosophie, nach Musse, nach einer Frage für Menschen, die Zeit haben.

Für einen Beruf, der Gewalt monopolisiert, ist es das Gegenteil von Musse.

Warum Selbst-Kenntnis hier Handwerk ist

Die meisten Menschen dürfen sich selbst schlecht kennen, ohne dass jemand zu Schaden kommt. Ein Polizist darf es nicht. Er entscheidet in Sekunden, oft allein, unter Druck, mit dem Recht, körperlich einzugreifen. Was in solchen Momenten aus ihm handelt, ist selten die bewusste Überlegung – dafür ist keine Zeit. Es ist das, was sich in ihm abgelagert hat, eingeschliffen, vorbereitet: der Speicher seiner Erfahrungen, die Haltung, die ihm zur zweiten Natur wurde, die Geschichten, mit denen er sich selbst erklärt.

Diese Kräfte wirken, ob man sie kennt oder nicht. Die Frage ist nur, ob man sie steuert – oder ob sie einen steuern. Und das ist keine Charakterfrage. Der Beste und der Schwächste tragen denselben Speicher, dieselbe zweite Haut, dieselbe Versuchung zum Vorwand. Der Unterschied liegt nicht darin, ob diese Mechanismen da sind, sondern darin, ob einer sie bei sich kennt.

Genau das meint der Satz über dem Tor, übersetzt in die Sprache dieses Berufs: Kenne die Kräfte in dir, bevor du in eine Lage gerätst, in der sie für dich entscheiden.

Drei Stufen nach innen

Diese Serie geht diesen Kräften in drei Stufen nach – von aussen nach innen, von dem, was der Beruf einem antut, bis zu dem, was man sich selbst erzählt.

Die erste Stufe ist der Speicher: was belastende Erfahrung im Menschen ablagert, still, über Jahre, bis in den Körper messbar – und was es wirklich heisst, damit umzugehen. Resilienz, so viel sei vorweggenommen, ist nicht die Fähigkeit, nichts zu fühlen. Sie ist das Gegenteil: einen Ort zu haben, an dem das Erlebte abfliessen kann.

Die zweite Stufe ist die zweite Haut: wie eine Haltung sich einverleibt, so tief, dass sie tiefer sitzt als jeder Satz, den man über sich sagen könnte – so unsichtbar wie das Wasser für den Fisch, der darin schwimmt. Man bringt sie nicht mit; man wird in sie hineingeformt, und irgendwann ist sie man selbst.

Die dritte Stufe ist der Vorwand: wie man sich vor sich selbst rechtfertigt, wenn man den bequemen Weg nimmt, den falschen Griff, die kleine Abkürzung. Der Mensch ist ein Meister darin, sich gute Gründe zu erfinden. Aber – und das ist die Kante dieser Stufe – der Mechanismus, der den Vorwand erzeugt, ist keine Entschuldigung. Ihn zu verstehen heisst nicht, ihn zu verzeihen.

Warum am Anfang die Kenntnis steht

Man könnte einwenden: Wozu das alles? Reicht es nicht, gut ausgebildet zu sein, das Recht zu kennen, die Taktik zu beherrschen?

Es reicht nicht, weil das Recht und die Taktik nur greifen, solange der Mensch, der sie anwendet, sich selbst im Griff hat. Und im Griff hat sich nur, wer sich kennt. Ein Führungsverantwortlicher, der die drei Stufen bei sich nicht kennt, wird sie bei seinen Leuten nicht sehen. Eine Ausbildung, die nur das Aussen lehrt – Paragraphen, Griffe, Abläufe –, überlässt das Innen sich selbst, wo es doch über das Aussen entscheidet.

Darum steht am Anfang dieser Serie nicht ein Mechanismus, sondern die Kenntnis. Erst dich. Dann die Lage.

Und die ehrliche Frage, mit der der Weg beginnt, ist die schwerste: Was weiss ich über die Kräfte, die in mir arbeiten – und was habe ich mir bisher lieber nicht angesehen?


Für die Praxis

Front: Kenne ich meine Reflexe, bevor ich in eine Lage gerate, in der sie für mich entscheiden?

Kader: Sehe ich die drei Stufen bei meinen Leuten – oder überlasse ich das Innen sich selbst, wo es über das Aussen entscheidet?

Politik: Lehrt unsere Ausbildung nur das Aussen – oder auch das Innen, das über das Aussen entscheidet?

Woher das Wissen kommt – die Quellen dieses Beitrags mit Einordnung: Forschung.