Serie «Der Griff» · Teil 3 von 7

Die Binnenkorrosion

· 4 Min. Lesezeit · Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Es geht in dieser Serie um das Allgemeine: um Mechanismen, wie sie in hierarchischen Einsatzorganisationen überall entstehen können. Die Beispiele illustrieren, die Forschung trägt. Wer sich oder seine Organisation darin wiedererkennt, liest eine Struktur – und Strukturen lassen sich verändern.

Es gibt einen Moment, der sich harmlos anfühlt und alles verändert. Es ist der Moment nach der Schicht, in der Pause, im Gruppenchat, in dem einer ausspricht, was er für sein privates Problem gehalten hat – und ein anderer sagt: Bei mir ist das genauso. Aus „mir geht es so“ wird „uns geht es so“. Der Moment ist entlastend, verbindend, zutiefst menschlich. Und genau darin liegt die Falle.

Der vorige Teil endete bei der Vergeblichkeit als einer einzelnen Erfahrung. Solange sie einzeln bleibt, ist sie beherrschbar. Der zweite Mechanismus ist der Übergang vom Ich zum Wir: Die private Frustration wird geteilt, verdichtet und verfestigt sich zu einer gemeinsamen Selbstbeschreibung. Das ist die Binnenkorrosion – kein lauter Bruch, sondern ein langsames Rosten von innen.

Aus einer Erfahrung wird eine Identität

Wenn die offiziellen Werte in der Ausnahmesituation nicht getragen haben, entsteht ein Vakuum, und Gruppen halten ein Vakuum schlecht aus. Sie füllen es – mit eigenen, informellen Werten, die aus der geteilten Erfahrung erwachsen. Der Sozialphilosoph Hans Joas hat gezeigt, dass Werte nicht verordnet, sondern in Erfahrungen der Selbstbildung geboren werden; hier geschieht genau das, nur unter negativem Vorzeichen. Die Werte, die entstehen, sind Kinder der Enttäuschung.

Rafael Behr beschreibt die Cop Culture als eine nach innen gerichtete Kultur, deren Ziel die Sicherung der eigenen Identität ist – individuell und kollektiv. Zu ihr gehört die Grundannahme, dass der Frieden bedroht ist und die Bedrohung von jenen ausgeht, mit denen man es täglich zu tun hat. Die angloamerikanische Forschung nannte den Ort, an dem sich diese Haltung bildet, früh die „Canteen Culture“: nicht die Vorschrift, sondern das informelle Gespräch unter Kollegen prägt, was wirklich gilt. Michel Foucault würde sagen: Wo die offizielle Ordnung keine tragfähige Orientierung liefert, entsteht eine eigene Mikro-Ordnung mit eigenen Regeln, wer dazugehört und was wahr ist.

Das Draussen-Sein als Selbstbild

Die neue Identität definiert sich über eine Grenze nach aussen. „Die da oben verstehen uns nicht“, „die Politik ist gegen uns“, „die Öffentlichkeit ist undankbar“ – das sind nicht mehr einzelne Urteile über einzelne Enttäuschungen, sondern Bausteine eines Selbstbildes. Man gehört zu denen, die draussen stehen, obwohl – nein: weil – man drinnen die Arbeit macht.

Für diese paradoxe Stellung, drinnen und zugleich ausgeschlossen, hat die politische Philosophie ein altes Bild: die Figur, die die Ordnung schützt und doch nicht in ihr wohnen darf – der Wächter, der vor dem Dorf lebt, nicht darin. Man sollte dieses Bild als das nehmen, was es ist: eine Denkfigur, die eine Empfindung fasst, kein Beweis. Belegbar und näher an der Sache ist Georg Simmels Figur des „Fremden“ – jenes Menschen, der Nähe und Ferne zugleich verkörpert, der dazugehört und trotzdem draussen bleibt. Die korrodierende Gruppe erlebt sich selbst als diesen Fremden im eigenen Land.

Warum das Verständnis der schwierige Teil ist

Hier liegt die eigentliche Zumutung dieser Analyse. Wer diesen Prozess zu früh moralisiert, verliert nicht nur das Publikum, sondern verfehlt die Sache. Denn die Bewegung ist zunächst gesund. Solidarität unter Enttäuschten ist kein Verbrechen; der Zusammenhalt, der hier entsteht, ist derselbe, der in guten Zeiten eine Mannschaft trägt. Man muss aushalten, dass das Verständliche gefährlich sein kann, ohne dass es dadurch weniger verständlich würde.

Denn was verbindet, kann auch abschotten. Dieselbe Bewegung, die nach innen Halt gibt, zieht nach aussen die Grenze – und je fester der innere Halt, desto härter die äussere Grenze. Der gesunde Impuls, Zusammenhalt, und der gefährliche, Abschottung, haben nicht nur denselben Ursprung. Sie sind dieselbe Bewegung, von zwei Seiten betrachtet.

Wo der Schaden noch begrenzt ist

Solange die Gruppe ihre eigenen Werte nur pflegt – sich ihrer versichert, sich abgrenzt, ihre Geschichten erzählt –, bleibt der Schaden begrenzt. Es ist ein Rückzug, keine Aggression. Der Bruch kommt erst mit einem weiteren Schritt: wenn innerhalb der Gruppe jemand zu bestimmen beginnt, welche der Werte gelten – und wenn die, die noch auf der gewöhnlichen Spur fahren, dafür einen Preis zu zahlen haben. Dann kippt die Identität von der Selbstversicherung zur Selektion. Das ist der Kipp-Punkt, und ihm gilt der nächste Teil.

Für die Praxis

Front: Nährt sich unser Zusammenhalt an einem gemeinsamen Auftrag – oder an einer gemeinsamen Kränkung, am „die gegen uns“?

Kader: Sehe ich, ob das Wir-Gefühl meiner Einheit trägt oder von innen rostet – und unterscheide ich die beiden?

Politik: Verstärke ich mit pauschaler Kritik von aussen genau die Abschottung, die ich aufbrechen will?

Woher das Wissen kommt – die Quellen dieses Beitrags mit Einordnung: Forschung.

WandelCop Culture