Serie «Der Griff» · Teil 2 von 7
Die Vergeblichkeit
Es geht in dieser Serie um das Allgemeine: um Mechanismen, wie sie in hierarchischen Einsatzorganisationen überall entstehen können. Die Beispiele illustrieren, die Forschung trägt. Wer sich oder seine Organisation darin wiedererkennt, liest eine Struktur – und Strukturen lassen sich verändern.
Der Einsatz läuft sauber. Die Festnahme sitzt, die Akte ist korrekt, die Übergabe erfolgt lehrbuchmässig. Und am nächsten Tag steht dieselbe Person wieder auf derselben Strasse. Nichts an der eigenen Arbeit war falsch, und trotzdem war sie folgenlos. Wer das einmal erlebt, zuckt mit den Schultern. Wer es hundertmal erlebt, beginnt eine Frage zu stellen, die harmlos klingt und es nicht ist: Wofür das Ganze?
Diese Frage ist der erste der Mechanismen, die den Griff kippen lassen. Der vorige Teil hat den Griff als das gezeigt, was er zunächst ist: eine neutrale, notwendige Vereinfachung. Damit er in die falsche Richtung fällt, braucht es keinen bösen Willen. Es braucht einen vorbereiteten Boden. Und der erste, der ihn bereitet, ist die Vergeblichkeit.
Frustration ist eine Erfahrung, kein Charakter
Es ist verführerisch, den zynischen Polizisten als Typus zu lesen: einer, der schon so angefangen hat, hart, verschlossen, überheblich. Rafael Behr legt eine andere Lesart nahe: Gerade junge Polizistinnen und Polizisten machen an den sozialen Brennpunkten „die ersten und nachhaltigen Erfahrungen über die Vergeblichkeit ihrer Arbeit“. Frustration ist in diesem Beruf kein mitgebrachter Charakterzug, sondern eine erworbene Erfahrung – und zwar eine, die sich täglich wiederholt. Die Arbeit führt oft nicht zum gewünschten Erfolg; man fühlt sich verletzt und schlecht behandelt, von der Gegenseite wie von der Öffentlichkeit. Der Fachbegriff dafür ist die „professionelle Deformation“: nicht ein Defekt der Person, sondern eine Verformung, die der Beruf an ihr vornimmt.
Entscheidend ist nicht der einzelne folgenlose Einsatz, sondern das Muster. Ein enttäuschender Tag ist verkraftbar. Die Erfahrung, dass Enttäuschung die Regel ist, verändert etwas – langsam, fast unmerklich, und lange bevor jemand von aussen es bemerken würde.
Zwei Richtungen der Vergeblichkeit
Die Erfahrung speist sich aus zwei Quellen, die selten zugleich benannt werden.
Die eine kommt von innen, aus dem System selbst. Das eigene Handeln ist nur ein Glied einer langen Kette – Anzeige, Justiz, Ressourcen, Folgeprozesse –, und die Kette bricht oft genau nach dem eigenen Beitrag ab. Man tut seine Arbeit vollständig und sieht ihre Wirkung nie. Wirksamkeit, das, wovon jede berufliche Zufriedenheit lebt, ist strukturell kaum erfahrbar.
Die andere kommt von aussen, aus der Gesellschaft. Die Polizei ist ambivalent besetzt: Man braucht sie, aber man will sie nicht. Ein Bild dafür, das ohne einzelne Person auskommt, ist die wiederkehrende Empörung darüber, dass uniformierte Polizisten in der ersten Klasse eines Zuges sitzen – gebraucht in der Gefahr, beargwöhnt im Alltag. Diese doppelte Botschaft, gebraucht und verachtet zugleich, ist die soziale Grundierung der Vergeblichkeit. Rafael Behr nennt die Vergeblichkeitserfahrung darum einen Verstärker: Sie macht die Ausnahmesituation und die Versuchung zur Gewalt nicht selbst, aber sie verschärft beide.
Der Rückzug als Schutz
Was tut ein Mensch, der dauerhaft erlebt, dass sein Einsatz nichts ändert? Er reduziert den Einsatz – nicht den äusseren, sondern den inneren. Er investiert weniger, erwartet weniger, schützt sich. Die Arbeitssoziologie kennt dafür einen präzisen Begriff: Bruggemann beschrieb schon in den siebziger Jahren die „resignative Zufriedenheit“ – nach wiederholtem negativem Abgleich zwischen Anspruch und Wirklichkeit sinkt nicht die Unzufriedenheit, sondern der Anspruch. Man arrangiert sich nach unten.
Die schärfere Form dieses Rückzugs ist der Zynismus. Die Burnout-Forschung führt ihn als eine ihrer drei Dimensionen, neben der Erschöpfung und dem Gefühl, nichts zu bewirken (Maslach, Schaufeli und Leiter 2001) – und sie stellt die Erfahrung des Einzelnen in den grösseren Zusammenhang der Organisation. Der Zynische behandelt sein Gegenüber vielleicht noch rechtlich einwandfrei – aber er nimmt es nicht mehr als gleichwertig wahr. Der Mensch gegenüber wird zur „Gegenseite“. Das ist der Punkt, an dem die Deformation gefährlich zu werden beginnt, denn hier verschiebt sich nicht mehr nur die Stimmung, sondern der Blick auf den anderen.
Warum das noch nicht das Kippen ist
Und doch – und das ist für die neutrale Betrachtung entscheidend – ist hier noch nichts gekippt. Der Rückzug ist keine Schwäche und kein moralisches Versagen. Er ist eine rationale Schutzreaktion: Wer dauerhaft Wirkungslosigkeit erlebt, reduziert die emotionale Investition, und das ist eine fast gesunde Antwort auf eine ungesunde Lage. Wer hier schon urteilt, verwechselt das Symptom mit der Krankheit und den Menschen mit dem Mechanismus.
Denn die Vergeblichkeit ist bis hierhin eine einzelne Erfahrung, getragen von einzelnen Menschen, die je für sich damit ringen. In dieser Form ist sie beherrschbar. Gefährlich wird sie erst, wenn die Enttäuschten aufhören, allein zu sein – wenn aus „mir geht es so“ ein „uns geht es so“ wird und aus der Erfahrung eine gemeinsame Identität. Das ist der zweite Mechanismus, und ihm gilt der nächste Teil.
Für die Praxis
Front: Erkenne ich Rückzug oder Zynismus bei mir – als Schutz vor der Vergeblichkeit, nicht als meinen Charakter?
Kader: Frage ich beim zynischen Mitarbeiter zuerst nach seinem Charakter – oder nach der Wirksamkeit, die ihm die Organisation schuldig geblieben ist?
Politik: Sorge ich dafür, dass Polizeiarbeit sichtbar wirkt – oder produziere ich mit folgenlosen Einsätzen genau die Vergeblichkeit, aus der Zynismus wächst?
Woher das Wissen kommt – die Quellen dieses Beitrags mit Einordnung: Forschung.