Serie «Die zweite Kultur» · Teil 4 von 5
Der harte Kern
In Teil 3 stand ein Satz, der harmlos klingt und es nicht ist: Bürgernahe Polizeiarbeit gilt vielen intern als „nicht richtige“ Polizeiarbeit, als weich, fast als Sozialarbeit. Warum eigentlich? Wer eine Reform verstehen will, die genau auf diese Bürgernähe zielt, muss diese Abwertung ernst nehmen. Denn sie ist keine Bequemlichkeit. Sie rührt an das Bild davon, was einen richtigen Polizisten ausmacht – und damit an die Identität.
Die Polizeiforschung hat beschrieben, warum die Einführung von Community Policing so schwer fällt: Sie verändert nicht nur Abläufe, sondern das Selbstverständnis. Die Rolle, auf die sich viele Beamte bezogen, war die des Kontrollierenden, des Zugreifenden. Eine Arbeitsweise, die stattdessen zuhört, vermittelt und vorbeugt, fühlt sich für sie nicht wie eine Erweiterung an, sondern wie eine Entwertung. Wer verstehen will, weshalb diese Abwehr so hartnäckig ist, muss eine Ebene tiefer gehen – dorthin, wo Kultur und Männlichkeit sich berühren.
Drei Bilder vom richtigen Polizisten
Der Polizeiforscher Rafael Behr hat der Cop Culture – am Beispiel der deutschen Polizei – eine grundlegende Studie gewidmet und dabei ihren Kern in Bildern von Männlichkeit verortet. Er unterscheidet – hier zusammengefasst nach der Sekundärliteratur, das Werk selbst lag mir nicht im Original vor – drei Typen: den Krieger, den Schutzmann und den Aufsteiger. Der Krieger ist der durchsetzungsstarke, gefahrensuchende Typ, der sich im Kampf gegen die Bösen sieht. Der Schutzmann ist der bürgernahe, deeskalierende. Der Aufsteiger orientiert sich an Laufbahn und Verwaltung.
Entscheidend ist Behrs Befund, dass nicht alle drei gleich viel gelten. Der Krieger ist das kulturelle Leitbild – die Figur, an der sich die informelle Anerkennung im Korps bemisst. Die Soziologie nennt das eine hegemoniale Männlichkeit (ein Begriff der Forscherin Raewyn Connell): nicht die einzige Form, aber die tonangebende, die andere Entwürfe in ihren Schatten stellt. Der bürgernahe Schutzmann steht damit strukturell im Nachteil – nicht weil er schlechtere Arbeit leistet, sondern weil das herrschende Bild ihn kleiner macht.
Warum eine Reform hier an eine Wand läuft
Jetzt wird verständlich, warum Bürgernähe als „soft“ abgewertet wird. Sie stärkt genau den Typ, der im internen Ansehen am wenigsten zählt, und relativiert den, der am meisten gilt. Eine Reform, die Community Policing verordnet, verlangt von manchen also nicht nur eine neue Technik – sie verlangt, das eigene Bild vom richtigen Polizisten aufzugeben. Die Abwehr ist dann keine Faulheit und kein böser Wille. Sie ist die Verteidigung einer Identität. Und eine Identität lässt sich nicht per Weisung austauschen.
Und die Frauen?
Hier ist eine Vorsicht nötig, sonst kippt der Gedanke ins Schiefe. Wenn die Rede von „Männlichkeit“ ist, geht es nicht um das biologische Geschlecht, sondern um ein kulturelles Muster. Behr hat die – umstrittene – These vertreten, dass auch Frauen in der Polizei dieses Muster weitgehend übernehmen, statt es infrage zu stellen. Diese These ist kritisiert worden, und die empirische Grundlage dafür ist dünn; man sollte sie nicht als gesicherten Befund weitergeben. Was sich aber sagen lässt, ist das Vorsichtigere und darum Belastbarere: Die Kultur ist stärker als die einzelne Person, die in sie eintritt. Sie prägt Männer wie Frauen – und deshalb ändert sich mit dem Anteil der Frauen im Korps nicht automatisch die Kultur. Wer auf Vielfalt setzt, gewinnt viel; aber er sollte nicht erwarten, dass sie die hegemoniale Figur von selbst ablöst.
Zwei Männlichkeiten, ein Bündnis
Behr beschreibt noch eine zweite Spannung, die für die Führung wichtig ist: Neben der „kriegerischen“ Männlichkeit der Mannschaft steht eine eher bürokratische Männlichkeit der Organisation – die des Aufsteigers, der Führung, der Kennzahlen. Beide stehen in einem gespannten, aber arbeitsteiligen Verhältnis. Das erklärt, warum die Reform von oben und die Kultur von unten aneinander vorbeireden: Sie sprechen, zugespitzt, zwei verschiedene Sprachen von Stärke. (Behrs Befunde stammen aus der deutschen Polizei; für die Schweiz sind sie ein Anker, kein direkter Beleg.)
Für die Führung
Daraus folgt das Unbequemste dieser Serie: Man kann die alte Härte nicht einfach verbieten. Identität ersetzt man nur durch Identität. Wer will, dass Deeskalation, Zuhören und Vermittlung als vollwertige – nicht als weiche – Polizeiarbeit gelten, muss ihnen ein Bild geben, das ebenso viel Anerkennung trägt wie der Krieger: Stärke, die sich darin zeigt, eine Lage ohne Gewalt zu lösen; Souveränität statt Zugriff. Nicht die Werte der Cop Culture sind das Problem – Mut, Loyalität, Verlässlichkeit –, sondern das enge Bild, an das sie geheftet sind. Es zu weiten, nicht zu bekämpfen, ist die eigentliche Führungsaufgabe. Wie das gelingen kann, ist die Frage des letzten Teils.
Teil 4 der Serie «Die zweite Kultur» – Denkanstösse zu Polizei im Wandel.