Serie «Die zweite Kultur» · Teil 2 von 5
Die Erfindung der Distanz
Ein Polizist fährt im Streifenwagen durch ein Quartier. Er sieht die Strasse durch die Scheibe, hört den Funk, fährt von einem Einsatz zum nächsten. Diese Distanz zwischen Polizei und Bevölkerung ist uns so vertraut, dass sie natürlich wirkt – als wäre Polizei schon immer so gewesen. Sie war es nicht. Die Distanz ist erfunden worden. Und sie war einmal das Beste, was der Polizei passieren konnte.
Im ersten Teil haben wir gefragt, was diese zweite, innere Kultur der Polizei ist. Jetzt fragen wir, woher sie kommt. Denn sie ist nicht zeitlos, kein Wesensmerkmal der Polizei an sich. Sie ist historisch geworden – und der Ort, an dem sie wuchs, ist genau jene Distanz.
Als Nähe das Problem war
Die Polizeiforschung teilt die Entwicklung der modernen Polizei in Phasen ein; der Polizeiforscher Matthias Bänziger hat sie in seiner Dissertation an der Universität Lausanne für den deutschsprachigen Raum zusammengefasst. Am Anfang, im 19. Jahrhundert, stand eine Polizei, die der Bevölkerung sehr nahe war – zu nahe. In den amerikanischen Städten wurden die Beamten von der lokalen Politik ausgewählt, stammten aus dem Quartier, wohnten dort. Das machte sie volksnah, aber auch abhängig, käuflich, ungleich. Nähe hiess damals: Vetternwirtschaft, Korruption, der Polizist als Gehilfe der politischen Maschinerie.
Die grosse Reform, die darauf folgte, war ein Aufstand gegen genau diese Nähe. Die Reformer wollten eine Polizei, die sauber ist, gleich behandelt, sich nicht kaufen lässt. Ihr Mittel: Professionalisierung. Formalismus, Zentralisierung, Spezialisierung. Die Polizei wurde eine disziplinierte, hierarchische, technisch ausgerüstete Organisation mit einem klaren Auftrag – der Kriminalitätsbekämpfung. In manchen Städten durften die Beamten nicht mehr in ihrem eigenen Revier wohnen. Die Trennung von der Bevölkerung war kein Versehen. Sie war das Programm.
Der Streifenwagen als Schwelle
Kein Gegenstand verkörpert diese neue Distanz besser als das Patrouillenfahrzeug. Mit Funk und Notrufnummer liess sich die Polizei effizient steuern; sie war schnell überall, jederzeit erreichbar. Aber die Türen und Scheiben des Autos wurden, wie es die Polizeiforschung beschreibt, zur Barriere. Der Beamte, der die Nachbarschaft zu Fuss kannte, wich dem, der von Notruf zu Notruf fährt – sehr effizient, aber niemandem mehr vertraut. Man arbeitete nach den neuen Standards gut und schnell. Nur war die Beziehung zur Bevölkerung, die man eigentlich schützte, dabei verloren gegangen.
Hier liegt das Paradox, das diesen Beitrag trägt: Gerade der Fortschritt schuf die Distanz. Was die Polizei sauberer, gerechter, professioneller machte, trennte sie zugleich von den Menschen. Und in dieser Trennung veränderte sich, worauf der einzelne Beamte sich verliess. Nicht mehr auf die Nachbarschaft, die ihn kannte – sondern auf die Kolleginnen und Kollegen, die dieselbe Distanz teilten. Wer nur noch auf sich und seinesgleichen angewiesen ist, entwickelt eine eigene, nach innen gewandte Kultur. Die zweite Kultur aus Teil 1 ist zu einem guten Teil ein Kind dieser erfundenen Distanz.
(Diese Entwicklung ist zunächst eine amerikanische; die Schweizer Polizeigeschichte verlief anders und langsamer. Aber das Grundmuster – Professionalisierung schafft Nähe ab und erzeugt Distanz – lässt sich auch hier wiedererkennen. Der Weg von der Staats- zur Bürgerpolizei erzählt dieselbe Bewegung aus Schweizer Perspektive.)
Warum die Rückkehr nicht genügt
Seit den 1980er-Jahren versucht die Polizei, die Distanz wieder zu verkleinern: Community Policing, Bürgernähe, Quartierarbeit – die bewusste Umkehr der Reform. Das ist richtig und notwendig. Aber es genügt nicht, ein neues Leitbild auszurufen. Denn die Kultur, die in Jahrzehnten der Distanz entstanden ist, verschwindet nicht, wenn man die Distanz offiziell für beendet erklärt. Sie sitzt in den Handlungsmustern, nicht in den Leitbildern – und die, das haben wir in Teil 1 gesehen, lassen sich nicht einfach verordnen.
Für die Führung
Wer die Distanz als Geschichte liest, gewinnt einen anderen Blick auf die eigene Kultur: Sie ist kein Charakterfehler der Mannschaft, den man ihr vorhalten könnte, sondern ein Erbe – die verinnerlichte Antwort auf eine Organisationsform, die man einst aus guten Gründen gewählt hat. Das ist die bessere Nachricht, die in dieser Geschichte steckt. Ein Charakter lässt sich schwer ändern. Ein Erbe kann man kennen, prüfen und bewusst weitertragen oder umgestalten. Die Voraussetzung ist nur, dass man seine Herkunft versteht – statt sie für Natur zu halten.
Teil 2 der Serie «Die zweite Kultur» – Denkanstösse zu Polizei im Wandel.