Serie «Die zweite Kultur» · Teil 1 von 5
Die zweite Kultur
Viele, die den Polizeiberuf von innen kennen, beschreiben dieselbe Erfahrung: dass die eigentliche Ausbildung erst nach der Ausbildung beginnt. In der Schule lernt man das Recht, die Griffe, die Abläufe. In den ersten Wochen auf der Strasse lernt man etwas anderes – wie es „wirklich läuft“. Nicht gegen das Gelernte, sondern neben ihm. Wo wird das gelernt? Und warum steht es nirgends geschrieben?
In der Serie «Wer steuert die Polizei?» haben wir gesehen, dass es diese zweite Ebene gibt – und dass sich die Polizei gerade deshalb nicht durchsteuern lässt wie eine Maschine. Reformen erreichen das Papier, aber nicht die Praxis. Das war die Diagnose. Sie lässt eine Frage offen, die diese neue Reihe aufnimmt: Was ist diese zweite Kultur eigentlich? Woher kommt sie, wer ist sie, was hält sie zusammen? Man versteht die Polizei im Wandel nur, wenn man sie kennt.
Zwei Kulturen in derselben Organisation
Der Polizeiforscher Rafael Behr hat für diese Spaltung eine klare Sprache gefunden. In seinem Aufsatz „Polizei.Kultur.Gewalt.“ (SIAK-Journal, 2013) schreibt er: „Ich unterscheide also grundsätzlich zwei kulturelle Bezugssysteme in der Polizei, nämlich die (offizielle) Polizeikultur (police culture) und die informelle Polizistenkultur (cop culture).“ Die eine ist nach aussen gerichtet, am Recht orientiert, formuliert in Leitbildern und Grundsätzen. Die andere ist nach innen gerichtet – sie orientiert sich, so Behr, nicht am Recht, sondern an der „gefühlten“ Gerechtigkeit, an dem, was im Alltag als legitim erlebt wird.
Der Unterschied ist kein akademischer. Er entscheidet darüber, was tatsächlich geschieht. „Leitbilder können publiziert werden, leiten aber nicht das polizeiliche Handeln an“, schreibt Behr; „Handlungsmuster dagegen leiten das polizeiliche Handeln an, können aber nicht publiziert werden.“ Das eine steht im Schaufenster, das andere geschieht auf der Strasse. Und der Neue lernt in den ersten Wochen genau das Zweite. (Behrs Befunde beziehen sich primär auf Deutschland; für die Schweiz sind sie ein Vergleichsanker, kein direkter Beleg.)
Warum sie nirgends geschrieben steht
Damit ist auch beantwortet, warum diese Kultur so schwer zu fassen ist. Sie ist nicht theoretisch begründet, sie ist erfahren. „Cop culture ist eine konservierende Kultur“, schreibt Behr. „Sie beruht auf (eigenen und fremden) Erfahrungen, nicht auf Theorie oder Wissenschaft.“ Ihr Wissen wird nicht in einem Handbuch weitergegeben, sondern im Kollegenkreis, in Geschichten, im Zusehen – von denen, die schon länger dabei sind, an die, die neu dazukommen.
Und sie sitzt tiefer als ein Beruf. Für den Polizisten dieser Kultur, so Behr, ist der Dienst kein Job: „Polizei ist für ihn ein Wertesystem, kein Beruf – und Polizistsein ist eine Berufung, kein Job.“ Behr bindet das an eine Erfahrung, die Aussenstehende selten teilen – die des gemeinsamen Risikos. Cop culture sei, so Behr, substanziell mit dem Leben in einer Gefahrengemeinschaft verbunden; ohne diese gäbe es sie nicht. Wer Tag für Tag in Situationen geht, deren Ausgang niemand garantiert, verlässt sich am Ende auf die Kollegin neben sich, nicht auf das Leitbild an der Wand. Aus dieser Angewiesenheit wächst eine Loyalität, die kein Organigramm herstellt.
Die Frage, die diese Serie trägt
Man könnte an dieser Stelle den Reflex haben, diese zweite Kultur beseitigen zu wollen – als Störung, als Widerstand gegen jede Modernisierung. Aber das geht nicht, und es verkennt sie. Der entgegengesetzte Reflex ist nicht klüger: sie zu ignorieren, nicht über sie zu sprechen, so zu tun, als gäbe es sie gar nicht. Das hat etwas Kindliches – wie das Kind, das die Augen zumacht und glaubt, nun sei die Welt weg. Es ist der einfachste Umgang mit einer Komplexität, die überfordert: Was ich nicht ansehe, ist nicht da. Nur verschwindet die zweite Kultur dadurch nicht; sie wirkt bloss unbeobachtet weiter – und unbeobachtet lässt sie sich am wenigsten führen. Sie ist keine Sabotage, sondern die Bedingung, unter der die Arbeit überhaupt funktioniert. Die produktivere Frage ist deshalb nicht „Wie schaffen wir sie ab?“, sondern: Woher kommt sie, wer ist sie, und was spricht sie an?
Diesen Fragen gehen die nächsten Beiträge nach. Der erste zeigt, dass diese Kultur historisch geworden ist – dass die Distanz zwischen Polizei und Bevölkerung, aus der sie wuchs, einmal ein Fortschritt war. Der zweite, dass sie nicht eine Kultur ist, sondern viele, mit eigenen Bruchlinien zwischen Mannschaft und Führung. Der dritte fragt nach ihrem harten Kern – nach den Bildern von Männlichkeit und Identität, die bestimmen, was als „richtige“ Polizeiarbeit gilt. Und der letzte danach, was diese Kultur tatsächlich verändert – wenn Befehl es nicht tut.
Für die Führung
Wer diese zweite Kultur nicht als Betriebsstörung liest, sondern als eigene Logik mit eigener Geschichte, gewinnt etwas: Er hört auf, gegen sie zu regieren, und beginnt, mit ihr zu arbeiten. Das ist keine Kapitulation vor der Kultur – es ist die Voraussetzung, sie überhaupt zu bewegen. Die Naht zwischen dem, was im Leitbild steht, und dem, was auf der Strasse gilt, ist nicht der Störfall der Führung. Sie ist ihr eigentlicher Arbeitsort.
Teil 1 der Serie «Die zweite Kultur». Sie schliesst an Was sich nicht steuern lässt aus der Serie «Wer steuert die Polizei?» an und führt weiter zu Polizei im Wandel.