Serie «Entscheiden im Nebel» · Teil 1 von 5

Kompliziert ist nicht komplex

· 3 Min. Lesezeit · Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Im Alltag sind „kompliziert“ und „komplex“ austauschbar – beides heisst ungefähr: schwierig. Für das Entscheiden ist diese Gleichsetzung teuer, denn hinter den beiden Wörtern stehen grundverschiedene Arten von Problemen, die grundverschiedene Antworten verlangen.

Das Triebwerk und der Verkehr

Ein Flugzeugtriebwerk ist kompliziert: Es besteht aus tausenden Teilen, und kaum jemand versteht es vollständig. Aber es ist zerlegbar. Mit genug Expertise, Zeit und Dokumentation lässt sich jedes Verhalten des Triebwerks auf seine Ursache zurückführen, und dieselbe Ursache erzeugt zuverlässig dieselbe Wirkung. Kompliziertes ist die Domäne der Fachleute: Wer das richtige Wissen hat, findet die richtige Antwort – und sie bleibt richtig.

Der Feierabendverkehr ist etwas anderes. Er besteht aus lauter Teilnehmern, die aufeinander reagieren – und auf jeden Eingriff. Eine Umleitung verschiebt den Stau, ein Tempolimit verändert das Verhalten, und dieselbe Massnahme wirkt am Dienstag anders als am Freitag. Das System lässt sich nicht zerlegen, ohne dass es aufhört, das System zu sein. Das ist Komplexität: Ursache und Wirkung hängen zusammen, aber sie lassen sich erst im Rückblick sauber verbinden – vorher nicht.

Die Landkarte dahinter

Dave Snowden und Mary Boone haben diese Unterscheidung in «A Leader’s Framework for Decision Making» (Harvard Business Review, 2007) zu einer Entscheidungs-Landkarte ausgebaut. Ihr Kernpunkt für die Führung: Im Komplizierten führt Analyse zur Antwort – erfassen, analysieren, handeln; es gibt gute Praxis, die man nachschlagen und übertragen kann. Im Komplexen gibt es diese nachschlagbare Antwort nicht. Dort bleibt nur das tastende Vorgehen: klein ausprobieren, beobachten, was das System zurückmeldet, und verstärken, was sich bewährt. Wer im Komplexen die Muster-Lösung sucht, sucht etwas, das es prinzipiell nicht gibt.

Polizeiarbeit ist beides zugleich

Die Polizei hat es laufend mit beidem zu tun, oft in derselben Lage. Spurensicherung, Funkbeschaffung, ein Dienstplan: kompliziert – anspruchsvoll, aber zerlegbar, mit Verfahren und Expertise beherrschbar. Eine Menschenmenge an einer Kundgebung, die Stimmung in einem Quartier, die Kultur eines Korps: komplex – sie reagieren auf jeden Eingriff, und die Reaktion verändert die Lage, in die man eingegriffen hat.

Genau hier schliesst sich der Kreis zu den bisherigen Serien dieses Dachs. Dass sich die zweite Kultur nicht per Leitbild verordnen lässt, ist Komplexität: Eine Kultur reagiert auf den Eingriff, statt ihm zu gehorchen. Und die Kennzahlen-Kritik beschreibt den klassischen Kategorienfehler: ein komplexes System mit dem Werkzeugkasten für Kompliziertes steuern zu wollen – als wäre Polizeiarbeit ein Triebwerk, das man nur richtig einstellen muss.

Der teure Reflex

Der teure Reflex ist damit benannt: komplexe Lagen wie komplizierte behandeln. Mehr Analyse anfordern, mehr Regeln erlassen, den Experten suchen, der „die Lösung“ kennt – alles Antworten, die im Komplizierten richtig sind und im Komplexen ins Leere laufen. Nicht, weil die Analyse schlecht wäre, sondern weil das System sich weiterbewegt, während analysiert wird, und weil es auf die Massnahme reagiert, statt sie zu erdulden.

Was das nicht heisst

Zwei Klarstellungen, damit die Unterscheidung nicht selbst zur Muster-Lösung verkommt. Erstens heisst komplex nicht unlösbar und schon gar nicht beliebig – es heisst nur, dass der Weg über Versuch, Beobachtung und Anpassung führt statt über das Nachschlagewerk. Zweitens verläuft die Grenze nicht zwischen Berufen oder Abteilungen, sondern durch jede Lage hindurch: Fast jede echte Aufgabe enthält komplizierte Anteile, die Verfahren verdienen, und komplexe Anteile, die keines vertragen. Die Landkarte ist ein Denkwerkzeug, kein Naturgesetz – auch sie vereinfacht, und wer sie dogmatisch anwendet, hat ihren Kern verfehlt.

Für die Praxis

Front: Behandle ich eine Menschenmenge oder eine Quartierstimmung wie ein Uhrwerk – oder wie ein System, das auf jeden Eingriff reagiert?

Kader: Frage ich vor jeder Massnahme: zerlegbar – dann Verfahren – oder reagierend – dann klein testen, beobachten, verstärken?

Politik: Fordere ich mehr Analyse und mehr Regeln für eine komplexe Lage – die Antworten, die nur im Komplizierten greifen?

Woher das Wissen kommt – die Quellen dieses Beitrags mit Einordnung: Forschung.