Serie «Entscheiden im Nebel» · Teil 2 von 5
Warum kluge Leute im Komplexen scheitern
Teil 1 dieser Serie hat unterschieden: Kompliziertes lässt sich zerlegen und mit Expertise lösen; Komplexes reagiert auf den Eingriff und kennt keine Musterlösung. Die bequeme Folgerung daraus wäre: Dann brauchen wir für das Komplexe eben die klügsten Köpfe. Genau diese Folgerung hält der empirischen Prüfung nicht stand. Als der Psychologe Dietrich Dörner Versuchspersonen komplexe Simulationen steuern liess, trennte die klassische Testintelligenz die Erfolgreichen nicht von den Gescheiterten. Wer scheiterte, tat es nicht aus Mangel an Intelligenz, sondern auf eine Weise, die auch sehr kluge Menschen zeigen.
Ein Land aus dem Labor
Dörner hat diese Muster über Jahre sichtbar gemacht und in seinem Buch «Die Logik des Misslingens» (1989) beschrieben. Sein Verfahren: Er vertraute Menschen komplexe Welten an – am Computer simuliert, aber mit den Eigenschaften echter komplexer Systeme, viele vernetzte Grössen, Eigendynamik, verzögerte Wirkungen.
In einer dieser Simulationen verwalteten die Teilnehmenden eine fiktive Entwicklungsregion in Afrika und sollten die Lebensbedingungen ihrer Bevölkerung verbessern. Viele taten zunächst das Naheliegende und Vernünftige: Sie verbesserten die medizinische Versorgung, bekämpften Viehseuchen, steigerten die Ernten. Es wirkte – eine Weile. Dann wuchs die Bevölkerung schneller als ihre Nahrungsgrundlage, das Weideland war übernutzt, und was als Fortschritt begonnen hatte, kippte für viele in eine Hungersnot. Die Katastrophe kam mit Verzögerung, und fast niemand hatte sie kommen sehen.
Das Beunruhigende an solchen Versuchen ist nicht, dass Menschen scheitern. Es ist, dass sie einander so ähnlich scheitern. Die Fehler sind nicht zufällig verteilt, sondern kehren wieder – man kann sie beschreiben, benennen und wiedererkennen.
Die Muster des Misslingens
Dörner beschreibt eine ganze Reihe solcher Fehlertendenzen. Vier davon treten im Alltag besonders häufig auf.
Von Symptom zu Symptom hetzen. Bearbeitet wird, was gerade sichtbar klemmt und am lautesten klagt – nicht, was wichtig ist. Wer von Missstand zu Missstand eilt, fühlt sich tätig und tatkräftig und verliert dabei das System als Ganzes aus dem Blick. Dörner nennt dieses Reagieren auf das jeweils Auffälligste „Reparaturdienst-Verhalten“.
Nebenwirkungen übersehen. Der Eingriff zielt auf eine Grösse; das System aber besteht aus lauter verknüpften Grössen. Die Massnahme wirkt also – nur eben auch dort, wo niemand hingeschaut hat. Wer eine Wirkungskette nur bis zur beabsichtigten Wirkung denkt, wird von allem überrascht, was dahinter liegt.
Zeitverzögerungen unterschätzen. Im Komplexen kommen Wirkungen selten prompt. Wer die Verzögerung nicht einrechnet, hält für wirkungslos, was in Wahrheit nur noch nicht sichtbar ist – und legt nach.
Übersteuern. Aus dem Nachlegen wird ein Muster: erst zu zaghaft, dann, wenn die erhoffte Wirkung ausbleibt, zu heftig – und wenn sie verspätet doch eintrifft, addiert sie sich zur zweiten Dosis. Das System schwingt auf, statt sich zu beruhigen, und der Steuernde jagt einer Wirkung hinterher, die er selbst erzeugt.
Warum gerade die Klugen
Warum schützt Klugheit hier so wenig? Dörners Erklärung setzt an dem an, was er das Gefühl der eigenen Kompetenz nennt: das beruhigende Empfinden, einer Lage gewachsen zu sein. Im Komplexen gerät dieses Gefühl unter Druck, weil das System sich nicht fügt – und dann beginnt es, das Handeln zu lenken statt umgekehrt. Wer sich kompetent fühlen will, handelt lieber, als zu prüfen: Sichtbare Aktivität bestätigt das Gefühl, unbequeme Fragen bedrohen es. Man verteidigt die eigene Annahme, statt sie zu testen, und weicht den Informationen aus, die sie erschüttern könnten. Dieser Reflex ist nicht das Vorrecht der Unbedarften: Klugheit immunisiert nicht gegen ihn, und wo sie das Vertrauen in die eigene Urteilskraft nährt, kann sie ihn sogar verstärken. Nicht der Mangel an Klugheit ist das Problem, sondern die Kränkung, die das Komplexe der Klugheit zufügt.
Was das für die Polizeiarbeit heisst
Die Übertragung liegt nahe, und sie bleibt auf der Ebene der Muster: Eine Präventionskampagne, ein neues Einsatzkonzept, eine Reorganisation – das sind Eingriffe in Systeme, die zurückwirken. Die Kampagne verschiebt ein Phänomen, statt es zu beenden; das Konzept verändert das Verhalten, auf das es gemünzt war; die Reorganisation wirkt noch dort, wo ihr Organigramm längst beschlossen ist. Wer hier prompte, sichtbare Wirkung verlangt, bestellt genau die Muster, die Dörner beschreibt: das Hetzen von Symptom zu Symptom, das Nachlegen, das Übersteuern.
Was das nicht heisst
Zwei Klarstellungen. Erstens ist das kein Fatalismus. Dörner beschreibt die Muster, um sie kenntlich und damit vermeidbar zu machen – wer sie kennt, kann sie bei sich selbst ertappen, ehe sie ihn führen. Zweitens ist es keine Entschuldigung fürs Nicht-Entscheiden. Im Komplexen nicht zu handeln ist auch ein Eingriff – nur einer ohne Hypothese, und einer, dessen Wirkungen man nicht einmal beobachtet.
Für die Praxis
Front: Bearbeite ich das Wichtige – oder das Laute, das gerade am sichtbarsten klemmt?
Kader: Denke ich eine Wirkungskette bis zur beabsichtigten Wirkung – oder auch bis zu den Nebenwirkungen dahinter?
Politik: Verlange ich prompte, sichtbare Wirkung – und bestelle damit genau das Übersteuern, das Dörner beschreibt?
Woher das Wissen kommt – die Quellen dieses Beitrags mit Einordnung: Forschung.