Serie «Entscheiden im Nebel» · Teil 3 von 5

Wie Erfahrene wirklich entscheiden

· 4 Min. Lesezeit · Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Die ersten beiden Teile dieser Serie zeichnen ein ernüchterndes Bild: Komplexes kennt keine Musterlösung, und selbst kluge Köpfe scheitern an ihm auf berechenbare Weise. Man könnte daraus schliessen, im Komplexen sei niemandem zu trauen. Doch das stimmt nicht. Erfahrene Praktikerinnen und Praktiker treffen unter Zeitdruck und Unsicherheit oft erstaunlich gute Entscheidungen – nur eben nicht so, wie das Lehrbuch es beschreibt.

Der sechste Sinn, der keiner ist

Der Psychologe Gary Klein hat Feuerwehr-Einsatzleiter, Pflegekräfte und andere Fachleute bei der Arbeit begleitet und daraus in «Sources of Power» ein Modell der Entscheidung entwickelt, das er die wiedererkennungsgesteuerte Entscheidung nennt. Sein bekanntestes Beispiel: Ein Zugführer steht mit seinem Team in einer brennenden Küche, beginnt zu löschen – und hört sich plötzlich „Raus hier!“ rufen, ohne zu wissen, warum. Sekunden später bricht der Boden ein; der Brandherd lag im Keller darunter. Erst hinterher wird ihm klar, was ihn alarmiert hatte: Das Feuer war ungewöhnlich leise gewesen, und seine eigenen Ohren ungewöhnlich heiss. Er hatte kein Wissen, aber ein Muster.

Genau das ist der Kern: Der Erfahrene wägt im Ernstfall nicht Optionen ab. Er erkennt die Lage als eine Art, die er schon kennt, und mit ihr steigt ein Handlungsentwurf auf. Den prüft er dann rasch im Kopf – passt er, handelt er; passt er nicht, kommt der nächste. Was von aussen wie ein sechster Sinn aussieht, ist verdichtete Erfahrung: Mustererkennung, kein Orakel.

Wann man ihr trauen darf

Damit ist die entscheidende Frage aber erst gestellt, nicht beantwortet: Wann trägt so eine Intuition – und wann ist sie blosse Einbildung? Gerade Klein, der den Praktikern grundsätzlich vertraute, hat diese Frage über Jahre mit dem skeptischen Daniel Kahneman ausgetragen. Ihr gemeinsames Ergebnis ist unbequem und klar: Verlässlich wird Intuition nur, wenn zwei Bedingungen zusammenkommen – eine Umgebung, die regelmässig genug ist, um überhaupt vorhersagbar zu sein, und die Gelegenheit, diese Regelmässigkeiten über lange Übung zu lernen.

Fehlt die erste Bedingung, hilft auch die zweite nichts. Wo es keine stabilen Muster gibt, kann keine Übung sie einprägen – und dann ist, in Kahnemans Worten, der Intuition nicht zu trauen, so überzeugt sie sich auch anfühlt. Das ist der Haken für alles Komplexe: Je unregelmässiger eine Lage, desto weniger verlässlich das Bauchgefühl. Und das subjektive Vertrauen hilft nicht weiter, es zu unterscheiden – auch der Pseudoexperte ist von seiner Eingebung überzeugt.

Weniger, das mehr ist

Es gibt eine zweite, verwandte Spur. Der Risikoforscher Gerd Gigerenzer argumentiert, dass unter echter Unsicherheit einfache Faustregeln oft besser abschneiden können als komplexe Modelle – nicht trotz, sondern wegen ihrer Sparsamkeit: Wer wenige, robuste Hinweise nutzt, sitzt seltener dem Zufall in den Daten auf als ein Modell, das alles zu berücksichtigen versucht. Wie weit diese These empirisch trägt, ist umstritten – prominente Kritiker wie Daniel Kahneman halten die Belege für dünn. Unbestritten bleibt der praktische Rat, den Gigerenzer daraus zieht: robuste statt vermeintlich optimaler Lösungen suchen, und den Mut zur begründeten Bauchentscheidung nicht durch eine Kultur des Absicherns ersticken. Die Grenze bleibt dieselbe wie bei Klein: Eine Faustregel ist nur so gut wie die Erfahrung, aus der sie stammt.

Was das für die Polizeiarbeit heisst

Für die Polizei ist beides Alltag – und beides birgt eine Falle. In Lagen, die sich hinreichend gleichen und in denen jemand jahrelang geübt hat, ist erfahrene Intuition ein hoher Wert: Sie erfasst in Sekunden, was eine Analyse erst nachrechnen müsste. Sie in solchen Lagen der Checkliste zu opfern, wäre Verschwendung. Umgekehrt trügt genau dieselbe Intuition dort, wo eine Lage neuartig ist und nur so aussieht wie eine vertraute. Dann ist das sichere Gefühl kein Beleg, sondern ein Risiko – die vertraute Schablone auf ein unvertrautes Bild gelegt. Die Kunst der Führung liegt weniger darin, Intuition zu haben oder zu misstrauen, als darin, die beiden Lagen auseinanderzuhalten.

Was das nicht heisst

Zwei Klarstellungen. Erstens ist das kein Freibrief fürs Bauchgefühl. Klein und Kahneman verlangen genau nicht, jeder Eingebung zu folgen – sie liefern die Bedingungen, unter denen man es darf, und sie sind streng. Zweitens ersetzt Intuition die Analyse nicht, sie ergänzt sie: Der geübte Zugriff im Ernstfall und das langsame Durchdenken einer neuen Lage sind kein Widerspruch, sondern zwei Werkzeuge für zwei verschiedene Lagen.

Für die Praxis

Front: Ist meine Lage regelmässig genug und habe ich sie oft genug geübt – oder lege ich eine vertraute Schablone auf ein neuartiges Bild?

Kader: Opfere ich geübte Intuition der Checkliste, wo sie trägt – und misstraue ich ihr, wo die Lage nur vertraut aussieht?

Politik: Verwechsle ich subjektives Überzeugtsein mit Genauigkeit – auch der Pseudoexperte ist von seiner Eingebung überzeugt?

Woher das Wissen kommt – die Quellen dieses Beitrags mit Einordnung: Forschung.