Polizei neu denken

Serie «Bild des Gelingens» · Teil 3 von 5

Warum Legitimität mehr trägt als Abschreckung

· 2 Min. Lesezeit · Tobias Burkhard, Dozent FHNW & SPI

Der „Prüfstein“-Beitrag zu Luzern und Genf fand: Kameras schrecken im offenen Stadtraum kaum ab, sie verlagern eher. Das liesse sich als technisches Detail lesen – falsche Kamera-Platzierung, fehlende aktive Beobachtung. Es ist mehr als das. Es ist ein Einzelfall eines viel grösseren Musters, das die Legitimitäts-Forschung seit Jahrzehnten beschreibt: Abschreckung trägt weniger, als die Intuition unterstellt – und Legitimität trägt mehr.

Zwei Modelle von Gehorsam

Der erste Teil dieses Registers hat es bereits angedeutet: Menschen befolgen die Polizei nicht in erster Linie aus Angst vor Strafe. Das ist die Kernunterscheidung, die Tom Tyler der Forschung eingeschrieben hat – zwischen einem instrumentellen Modell (ich gehorche, weil Entdeckung und Sanktion drohen) und einem normativen Modell (ich gehorche, weil ich die Autorität als legitim anerkenne). Tylers Befund, seit «Why People Obey the Law» über Jahrzehnte repliziert: Das normative Modell trägt die Kooperation stärker und stabiler als das instrumentelle. Legitimität wirkt auch dann, wenn niemand zusieht – Abschreckung per Definition nicht.

Was das mit der Kamera zu tun hat

Genau diese Lücke zeigte sich in Luzern und Genf: Sobald die Kamera nicht mehr Neuheit war, verflachte der Effekt, und das Verhalten verlagerte sich in ungefilmte Räume. Das ist kein Zufall, sondern die Signatur reiner Abschreckung – sie wirkt, solange die Kontrolle sichtbar und unmittelbar ist, und lässt nach, sobald sie es nicht mehr ist. Legitimität kennt dieses Verfallsdatum nicht, weil sie nicht an der Überwachung hängt, sondern an der Anerkennung der Autorität selbst.

Was das nicht heisst

Zwei Präzisierungen, damit aus der Gegenüberstellung kein Zerrbild wird. Erstens: Abschreckung ist damit nicht wirkungslos – der bereits zitierte Befund von Welsh und Farrington zeigt reale, wenn auch räumlich sehr begrenzte Effekte (namentlich auf Parkplätzen). Die Aussage ist nicht „Abschreckung wirkt nie“, sondern „Abschreckung trägt weniger und schmaler, als die politische Intuition annimmt – und Legitimität trägt breiter und dauerhafter“. Zweitens ist auch dieser Vergleich, wie die gesamte Legitimitäts-Forschung, überwiegend angelsächsisch fundiert; wie weit er sich auf Schweizer Verhältnisse übertragen lässt, ist Gegenstand des letzten Teils dieser Serie.

Teil 3 des Registers «Bild des Gelingens», nach Das Handwerk der Fairness und Fairness beginnt innen. Schliesst an den „Prüfstein“-Beitrag Kameras, die nichts abschrecken an.