Serie «Entscheiden im Nebel» · Teil 5 von 5
Wenn Politik Komplexität verarbeitet
Die bisherigen Teile dieser Serie sind einen Weg nach oben gegangen: vom einzelnen Entscheider zu der Intuition, der er trauen darf, von dort zur Organisation, die mit der Überraschung rechnet. Der letzte Schritt führt an den Ort, an dem über all das entschieden wird, bevor ein Korps überhaupt handelt – ins politische System. Und dort wartet der Satz, den man in jeder Dienststelle hört: Die Politik verlange einfache Antworten auf komplexe Lagen. Er klingt nach einer Klage. Er beschreibt aber etwas, das man besser versteht, wenn man aufhört, es zu beklagen.
Warum Politik vereinfachen muss
Niklas Luhmann hat in seiner Studie «Macht» (1975) einen ungewohnten Zugang zur Macht vorgeschlagen. Macht ist danach keine Kraft, die jemand besitzt und einsetzt, sondern ein Kommunikationsmedium – wie Geld in der Wirtschaft oder Wahrheit in der Wissenschaft. Ein solches Medium hat eine Aufgabe: Es überträgt Entscheidungen von einer Stelle zur anderen, ohne dass jede Stelle die ganze Komplexität noch einmal durchdenken muss. Damit das gelingt, muss es vereinfachen. Luhmann sagt es genau: „Für diese Vereinfachung und Abstraktion braucht man Symbole, die den konkreten Anfang, den Ausgangskontext der Selektionskette, ersetzen. Dafür entwickeln Kommunikationsmedien symbolisch generalisierte Codes für gemeinsame Orientierung.“
Übersetzt in die Sprache dieser Serie: Politik verarbeitet Komplexität, indem sie sie reduziert. Sie muss aus einer unübersichtlichen Sicherheitslage eine Handvoll Ziele machen, die sich beschliessen, kommunizieren und verantworten lassen. Das ist nicht ihr Versagen – es ist ihre Funktion. Eine Demokratie, deren Entscheidungen niemand mehr versteht, kann sie auch nicht mehr tragen. Legitimation lebt von Vermittelbarkeit, und Vermittelbarkeit von Vereinfachung. Wer der Politik vorwirft, dass sie vereinfacht, wirft ihr im Kern vor, dass sie ihre Aufgabe erfüllt.
Ein Vorbehalt gehört hierher, wie schon in den früheren Beiträgen: Luhmanns Machttheorie ist eine allgemeine Theorie der Gesellschaft, kein Lehrsatz über die Polizei. Was folgt, ist ihre Übertragung – eine Deutung, kein Beweis.
Das politische System und die Polizei
Die Polizei ist einer der Orte, an denen diese vereinfachte, verbindliche Macht ankommt. „Das politische System der Gesellschaft“, schreibt Luhmann, „übernimmt die Erzeugung, Verwaltung und Kontrolle der Macht für die Gesellschaft.“ Für die Polizei heisst das: Die politische Ebene übersetzt eine komplexe Sicherheitswirklichkeit in etwas, das sie steuern kann – ein Leitbild, einige Ziele, ein paar Kennzahlen. Diese Kaskade, durch die politische Erwartung in messbare Vorgaben gerinnt, hat die Serie «Wer steuert die Polizei?» an anderer Stelle schon nachgezeichnet. Sie hat ihre Vernunft: Ohne sie wäre die Polizei niemandem mehr rechenschaftspflichtig als sich selbst.
Bis hierhin ist alles legitim. Die Vereinfachung ist der Preis dafür, dass eine demokratische Gesellschaft ihre eigene Polizei überhaupt lenken kann. Das Problem beginnt erst dort, wo die Vereinfachung ihre eigene Herkunft vergisst.
Wenn die Reduktion zur Schein-Reduktion erstarrt
Luhmanns Symbol ersetzt den Ausgangskontext – es tritt an die Stelle der komplexen Wirklichkeit, damit man mit ihr kommunizieren kann. Der Gewinn ist real. Die Gefahr ist es auch: dass man am Ende das Symbol für die Sache selbst hält. Genau an diesem Punkt kippt die legitime Vereinfachung in eine Schein-Reduktion.
Wie das aussieht, hat die Serie «Wer steuert die Polizei?» an den Kennzahlen bereits gezeigt. Die Kennzahl misst, was sich messen lässt, nicht, was wirkt. Ein dokumentiertes Beispiel: Ein Korps brach seine Verkehrs-Soll-Werte rein rechnerisch bis auf einzelne Mitarbeitende herunter – worauf Beamte, die kaum je im Verkehrsdienst standen, dennoch durchschnittliche Verkehrszahlen erreichen mussten. Die Zahl war korrekt. Sie war nur sinnlos: Sie mass eine Wirklichkeit, die es nicht gab. Die Reduktion hatte sich von dem gelöst, was sie reduzieren sollte.
Das ist der Unterschied, auf den es ankommt – und er verläuft nicht zwischen guter und böser Politik. Er verläuft zwischen einer Vereinfachung, die weiss, dass sie eine ist, und einer, die sich für die Wirklichkeit hält. Die erste bleibt anschlussfähig an die Front; die zweite steuert eine Landkarte statt eines Geländes.
Was bleibt: die Übersetzung zurück
Wenn die politische Vereinfachung legitim und zugleich gefährdet ist – was folgt daraus für die, die zwischen ihr und der komplexen Front stehen? Hier lohnt es nicht, eine neue Führungslehre zu erfinden, sondern die Quellen dieser Serie zu Ende zu lesen.
Luhmanns Medium überträgt in eine Richtung: von der Entscheidung zur Ausführung, von oben nach unten. Was es, so gelesen, nicht leistet, ist die Rückübersetzung – das Zurücktragen der Komplexität, die an der Front sichtbar wird, in die vereinfachte Sprache oben. Daraus lässt sich folgern, wo Führung gebraucht wird: genau an dieser Rückübersetzung, nicht um die politische Vereinfachung zu unterlaufen, sondern um sie ehrlich zu halten. Wer an der Nahtstelle steht, kann nach oben zurückmelden, wo eine Zahl eine Wirklichkeit misst, die es nicht gibt – und nach unten erklären, warum die Vereinfachung trotzdem nötig ist. Beides zugleich. Das ist keine heroische Rolle. Es ist Übersetzungsarbeit in zwei Richtungen, und sie gelingt nur, wenn beide Sprachen ernst genommen werden.
Was das nicht heisst
Drei Klarstellungen, damit der Beitrag nicht kippt. Erstens ist er keine Klage darüber, dass die Politik zu einfach denke: Vereinfachung ist ihre legitime Funktion, und kritisiert wird allein die erstarrte Schein-Reduktion, die das Symbol mit der Sache verwechselt. Zweitens ist er kein Ruf nach Abschaffung der Kennzahlen – eine Polizei ohne jede Wirkungsmessung wäre eine, die sich selbst nicht mehr prüft, und das will diese Serie am wenigsten. Und drittens bleibt Luhmanns Machttheorie eine allgemeine Gesellschaftstheorie; ihre Anwendung auf die politische Steuerung der Polizei ist eine Deutung, kein Lehrsatz Luhmanns über die Polizei.
Für die Praxis
Front: Melde ich nach oben zurück, wo eine Kennzahl eine Wirklichkeit misst, die es nicht gibt?
Kader: Weiss ich, welche meiner Kennzahlen noch etwas Wirkliches misst – und welche nur noch sich selbst?
Politik: Halte ich die Vereinfachung für einen Gegner – oder für eine Aufgabe, die jemand ehrlich halten muss?
Woher das Wissen kommt – die Quellen dieses Beitrags mit Einordnung: Forschung.